Ist Ihr IQ >0?

Wer oft genug „Wer wird Millionär?“ gesehen hat, vermutet wahrscheinlich, daß Günther Jauch gar nicht so blöd sei. Wer vorgestern abend seine IQ-Show gesehen hat, der muß ernsthaft daran zweifeln. Zwar hat er sich als schlau genug erwiesen, seinen eigenen IQ nicht meßbar zu machen, indem er selbst nicht an den Spielchen teilnahm, so daß zumindest von daher der Nimbus des „ich hätt‘ alles gewußt“ fortbesteht, obwohl seine Diskussion einzelner Fragen auch dies in Frage stellte. Daß er jedoch überhaupt seinen Namen, sein Gesicht und den schmächtigen Rest für diesen Gigaflop hergab, läßt seine Intelligenz, oder zumindest sein Gespür für gute Sendekonzepte in einem düsteren Licht erscheinen. Denn daß diese Show ein Reinfall sein mußte, hätte ihm klar sein müssen.

Dabei hatte ich der Sendung wirklich eine Chance gegeben. Nachdem ich mich zunächst verspätet einschaltete, war ich eine ganze Weile lang bereit, die Tatsache, daß alles, was ich sah, auf mich wirkte wie eine unendliche Ziehung der Lottozahlen, wenn man nicht mal einen Schein ausgefüllt hat, damit zu entschuldigen, daß ich ja den Anfang versäumt hatte. Erst langsam dämmerte mir, daß da nicht mehr kommen würde als wenige peinliche Dialoge mit Prominenten, die dumm genug gewesen waren, ihre Dummheit zur Schau zu stellen (zu Recht war Verona Feldbusch nicht dabei – sie hatte wahrscheinlich Angst, daß herauskommen könne, daß sie gar nicht so dumm ist, wie sie tut…), unterbrochen von sich unendlich ziehenden Standard-Mensaspielchen, an denen der Fernsehzuschauer zu Hause zwar teilnehmen konnte, allerdings ohne erkennbaren Sinn, da er zwar die richtigen Lösungen erhielt, damit aber keineswegs seinen Intelligenzquotienten errechnen konnte. „Richtig“ teilnehmen konnte nur der Internetbenutzer, und der wurde denn auch immer wieder einbezogen („wie sieht es denn nun mit unseren Internetspielern aus?“).

Daß sich das Ganze Stunden um Stunden ziehen würde, hatte ich wahrlich nicht geahnt. Das größte Elend begann aber, als die Fragen beendet waren: Jetzt war nicht etwa die Show zu Ende, nein, jetzt zog sich die Jury für eine halbe Stunde zur Beratung zurück – man sollte eigentlich meinen, daß ein Computer einen schematisierten Intelligenztest in Echtzeit auswerten könne -, und wir mußten Birgit Schrowange ertragen, die uns zeigte, daß selbst Affen schneller an Bonbons herankommen können als RTL-Zuschauer, und daß jemand namens Brian sich die Herz-Dame merkt, indem er an Claudia Schiffer denkt (Himmel, hilf!).

Jetzt aber, die Auswertung. Nein! Jetzt wurden die Antworten zu den Fragen verlesen. Das führt natürlich zu mehr peinlichen Diskussionen, in deren Gipfel die Richtigkeit einer Antwort in Frage gestellt wurde, worauf der Mensamann, offensichtlich nicht geschult in DAU-trächtigem PC-Support, die Nerven verlor und nur noch „das ist logisch!“ schrie. Mehr Auflockerung war nicht, die Show war bereits viele Stunden alt, Günther Jauch hatte nicht nur alle Fernsehzuschauer, sondern selbst die Personen im Saal längst verloren. Die Lottofee am Statistikprogramm informierte uns, daß die Schleswig-Holsteiner und die Fans des VfL Wolfsburg die Intelligentesten seien, und die grauhaarigen Frauen die Dümmsten, Dortmund und Schalke beide im unteren Drittel, welche Überraschung. Die Prominenten hatten Streichhölzer in den Augen, es war inzwischen nach Mitternacht. Professor Freise, Günther Jauch und die Damen und Herren von Mensa wünschten sich sicher sämtlich, daß die Erde sich unter ihnen auftun würde, nur noch Johannes B. Kerner und Dorkas Kiefer genossen die Show.

Wer war nun der intelligenteste Saalbesucher? Ich muß leider vermelden, daß ich es nie erfahren habe. Als nach vier Stunden zur Spannungssteigerung der 256. Werbeblock geschaltet wurde, fragte meine Freundin Barbara mich, warum ich mir das eigentlich antue. Ich mußte ihr durchaus Recht geben, und ging – viel zu spät – ins Bett.

Ach nein, jetzt hab‘ ich es doch noch auf der Website von RTL nachgeschaut: Talkmistress Sonja Zietlow und Professor Freise waren die Klügsten. Ach so.

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