Gello

Auch Florenz war anstrengend. Wir entspannen. Planen den letzten Block unseres Urlaubs: Siena soll noch kommen, evtl. Volterra, dann langsame Heimreise. Die Sonne ist wieder am gewohnten Platz, jedenfalls bis zum Nachmittag, dann bewölkt es sich etwas.

Teresa kommt und bringt uns Gemüse und Trauben, die sie vom Nachbarn erhalten hat. Außerdem erklärt sie sich bereit, unsere Wäsche zu waschen. Dabei beginnt sie, etwas aus der Geschichte des Klosters zu erzählen.

Teresa erzählt: Das Kloster von Gello

Im 15. Jahrhundert wurde Florenz von der Pest heimgesucht, und die Reichen errichteten Villen und Güter auf den Hügeln des Umlandes, weil sie sich dort Schutz vor der Ansteckung erhofften. So wurde auch das Kloster von Gello errichtet, unter weltlicher Herrschaft, an die die Mönche Naturalzahlungen abführen mußten. Das Wappen des Klosters zeigt die Lilie von Florenz, darunter Getreidesäcke als Symbol für Reichtümer. In seiner Blütezeit erstreckte es sich auf etliche Anwesen der Umgebung, das heute noch stehende Haus war das Gästehaus für Pilger auf dem Pfad von Norden nach Rom. Nonnen mußten hier die Pilger beherbergen.

Mittelalterliche Ablaßzahlungen und das Fehlen männlicher Nachkommen ließen es dem Herrn schließlich ratsam erscheinen, das Eigentum ganz an die Klosterbrüder abzutreten, die Töchter selbst zu Nonnen zu machen. Die Chronik berichtet, daß die Getreideeinküfte des Klosters schlagartig um ein Drittel anstiegen.

Bis vor rund hundert Jahren diente das Kloster als solches, bis ca. 1962 war es bewohnt. 16 Jahre später übernahmen Edi und Teresa es, das Dach begann einzustürzen und mußte ersetzt werden, Strom und Wasser hatte es nie gegeben. Die daneben liegende Kirche war bereits teilweise eingestürzt. Diese restaurierten sie von innen komplett, zogen einen Zwischenboden ein. Da die Töchter an diesem „Erbe“ nicht interessiert waren, mußten sie es später verkaufen. So sind ihre einzigen unmittelbaren Nachbarn Ferienhausbesitzer aus Prestigegründen, die kaum je da sind.

Teresa erzählt: Die Geschichte der Domenica

Als sie 1976 nach Gello zogen, lernten sie auch ihre Nachbarn im nächsten Haus, etwas weiter unten im Tal, kennen. Diese Familien hatten noch ganz unter dem Mezzato gelebt, der Feudalherrschaft, die Bauern zwang, die Hälfte (Mezzo) ihrer Erträge an den Feudalherrn abzugeben, die sie in einfachsten Umständen leben ließ, und die erst 1962 durch Gesetz abgelöst wurde.

Diese Familie hatte nur nach dem Nachbarhaus, kaum 50 Meter entfernt, geheiratet, konnte kaum lesen und schreiben und hatte auch noch nicht viel mehr von der Welt gesehen. Insgesamt war man sich freundlich-nachbarschaftlich gesonnen, nur Domenica, die Großmutter, drehte den Neuankömmlingen nur brüsk den Rücken zu. Befremden, doch dann erfuhren sie, was geschehen war: 1944, als der zweite Weltkrieg dem Ende zuging, waren die Deutschen auf dem Rückzug auf Gello, die Amerikaner bereits im nächsten Tal. Täglich lieferten sie sich Feuergefechte, und die Nacht, so wird erzählt, sei taghell gewesen vom Hin und Her der Geschütze. Die Großmutter ging mit dem zweiten Kind schwanger, und der Großvater kam auf Heimaturlaub, wohl aus dem Rußlandfeldzug. Am Tage war er mit der Hacke im Felde, am Abend kam er nicht zurück. Als sie ihn suchte, lag er erschossen da: Die Deutschen auf Gello hatten ihn ermordet, bei schlichten Zielübungen. Teresa und Edi, mehr als 30 Jahre später, kamen von Gello, sprachen deutsch, und die Großmutter hatte nichts vergessen.

Etwas entrüstet klärten sie die Großmutter auf, daß sie erst seit kurzem auf Gello lebten, als Schweizer ohnehin nicht am Krieg beteiligt gewesen seien, generell pazifistisch veranlagt seien, und sich eigentlich gute Nachbarn sein wollten. Daraufhin schob sie ihnen Papier und Stift zu, verlangte, daß sie die Geschichte ihres Mannes aufschrieben und veröffentlichten. Als das Aufschreiben geschehen war, wenn auch das Veröffentlichen an Gelegenheit mangelte, wurde die Nachbarschaft die beste, die man sich ausdenken konnte. Die Großmutter starb 1999, sie liegt jetzt neben ihrem Mann beerdigt; sie hatte nie wieder geheiratet. Traditionell sind ihre beiden Photographien auf dem Grabstein aufgezogen, in einer Montage, die sie wie ein Paar nebeneinander erscheinen läßt. Nur die Jahreszahlen verraten, daß sie 55 Jahre nacheinander starben.

Die Geschichte, vor einem Vierteljahrhundert erzählt, kommt somit doch noch zur Veröffentlichung…

Am Abend noch „Aufruhr“: Unangekündigte Gäste kommen, genauso wie vor einer Woche wir. Ein israelisches Paar, und Edi, der Freunden bei der Weinlese geholfen hatte und dabei wohl auch ein bisschen im Wein gelesen hat, bricht eine pazifistische Diskussion vom Zaun, die keiner so recht mitführen will. Ob oder daß die Israelis den Palästinensern den Frieden antragen müssen oder umgekehrt ist eine Frage, die nicht so recht zu unserer friedlichen Welt passen will – zudem fällt mir wieder auf, daß ich mich als Deutscher in dieser Frage lieber zurückhalte, Edi dagegen die Sache völlig „ungeniert“ angeht. Schließlich kehrt doch noch Ruhe ein, und wir verzehren ein letztes Abendessen mit diversen frischen Gemüsen, die Teresa uns gegeben hatte.

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