What if – what next?

Der Wettbewerb ist vorbei, auch ohne mein Zutun, und die Jury hat zehn Werke ausgewählt, über die wir abstimmen sollen. Ich habe einige gelesen, einige überflogen, und bin vom Gros eher nicht begeistert. Es ist dieses unangenehme Gefühl, wenn man sieht, daß man selbst etwas mindestens genauso gut hinbekommen hätte, aber zugeben muß, daß die anderen einem vor allem eins voraus haben: Sie haben es einfach getan.

Meine Wertungen:

  • Aimée: Herr im eigenen Haus – Der Autor beschreibt die Zukunft seines Haushalts. Ungeeignete Wortwahl bei der Beschreibung zukünftiger Haushaltsgeräte: Brain-Interface, Domizilrechner, Elektromobil. Dann soll es erotisch werden, und das gelingt ihm vollends nicht, seine Sätze werden hölzern, man sieht ihn förmlich beim Schreiben rot werden. Habe ich nicht zu Ende gelesen.
  • Aus der Reihe – Die Ich-Erzählerin hat sich für eine Intellektverstärkung und Gefühlskontrolle entschieden, als sie einen Mann kennen- und liebenlernt, fliegt sie aus dem Projekt raus. Gefällt mir ganz gut.
  • Außendienst – Hier wird die Hörspielform gewählt und auch recht gut durchgezogen. Die Storyline läßt sich gut an, und ist dann ganz plötzlich zu Ende, so als hätte der Autor mit der Zeichenzahl Probleme gehabt.
  • Bio-Nostalgie – Da hat sich jemand in ein Mädchen aus einem Werbespot verliebt, und schaut sich nix anderes mehr an. Vielleicht gar nicht so schlecht, aber wer nicht weiß, wie man Terabyte schreibt, sollte nicht Science Fiction als Thema wählen. Nicht zu Ende gelesen.
  • Clone – Ein Werk auf englisch, während anscheinend deutsch die Muttersprache des Autors ist. Ich muß hier kurz zugeben: ich hatte meine Geschichte auch auf englisch angefangen, aber hoffentlich besser. Das Problem heißt BSE (bad simple English, eine verkürzte Sprache ohne Rafinesse).
  • Der Circus lauert ÜberAll – Die Überschrift gibt das Thema vor, hier wird mit Sprache gespielt, daß sich die Balken biegen. Rappen à la MTV, nur auf die Dauer liest sich das sehr anstrengend, deshalb nicht zum Ende geschafft. Erinnert entfernt an Douglas Adams, Zaphod Beeblebrox hätte hier gut in die Runde gepaßt. Ich mochte „legt … den Hebel um und schaltet auf ‚High Voltaire‘.“
  • Der Unterhaltungskubus – Das ist mal eine nette Geschichte, und auch in nettem Stil geschrieben. Der Kubus erinnert mich ziemlich an den Foltertank aus Tom Clancy’s „Cardinal of the Kremlin“, er wurde aber einer nützlichen Verwendung zugeführt. Aber das schlechte Schriftdeutsch! Adjektive groß und Anrede-Sie klein, die Kommata wahllos verstreut – ich mußte mal eine Diplomarbeit korrekturlesen, die vom selben Verfasser hätte sein können…
  • Infogeddon – Mein Favorit. Die Schreibe ist sauber, und die Geschichte kurz und pointiert, und anders als der letze kann dieser Autor deutsch.
  • Nanotransgen – habe ich nur überflogen. Es ist spät, und es ist zumindest nicht sehr gut.
  • Todesursache I.O. – Die dritte gute Geschichte. Aber meine Wahl kann sie nicht umstoßen, es tut mir leid für den Autor, aber es ist einfach zu spät.

0 Gedanken zu „What if – what next?“

  1. Eines gleich vorweg. Der Wettbewerb ist echt klasse und die Beiträge sind interessant und intelligent geschrieben. Und ich finde, dass die Bewertungen hier den Geschichten überhaupt nicht gerecht werden.

    Beispiel1: Bio-Nostalgie: Das Wort „Terabyte“ habe ich hier überhaupt nicht gefunden. Stattdessen benutzt der Autor das Kunstwort „Terrablock“, was – wie man am Ende der Geschichte merkt – sogar richtig Sinn macht. Die Kritik geht hier also völlig am Thema vorbei…

    Beispiel2: Nanotransgen: Hier erfährt man gleich gar nichts über die Story…

  2. Hey, man hat mich gelesen! Das freut mich, aber hat man mich auch verstanden? Hat man verstanden, daß ich hier nicht klappentexttaugliche Rezensionen abliefere (wofür mich ja auch niemand bezahlt), sondern einfach meinen gnadenlosen eigenen Senf dazugebe? Und der mag sehr schnellebig sein: Hat mich eine Geschichte nach zwei Absätzen nicht überzeugt, dann mache ich kurzen Prozeß mit ihr.

    Als Jedermann-Juror (denn jeder durfte abstimmen) habe ich nur eine Stimme, keine Rangliste abzugeben. Und die Wahrscheinlichkeit, daß eine schlapp anfangende Geschichte so stark aufbaut, daß sie es von Platz zehn nicht nur auf neun, acht, vier oder drei, sondern sogar auf den ersten Platz meines subjektiven Rankings schafft, ist traurig gering.

  3. Vielleicht solltest du die Story mal zu Ende lesen, dann kannst du auch eine sinnvolle Kritik abgeben… *Kopf schüttel*

  4. Rolf,

    ich freue mich immer, wenn auch noch nach langer Zeit ein Kommentar auftaucht – das Internet ist eben ein permanentes Medium. Wenn du aber alle meine Beiträge zu diesem Thema gelesen hättest, auch meinen eigenen Kommentar eins weiter oben, und auch diesen, hättest du gesehen, daß ich sowohl meine Bewertungsmethode in all ihrer bewußt in Kauf genommenen Unvollkommenheit erklärt habe, als auch nach geschlossener Abstimmung mein Urteil über die Geschichte teilweise angepaßt habe. Aus damaliger Sicht bleibe ich trotzdem bei meiner Wertung, das ist die Freiheit des Literaturkritikers…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.