Telefonspam in neuer Qualität

Als mich vor ein paar Wochen ein englisch stammelnder Inder anrief und mir seine Dienste als Webdesign-Subunternehmer anbot, glaubte ich noch an einen irrlichternden Einzeltäter, einen in seinem Callcenter arbeitslos Gewordenen, der glaubte, das ferne Europa eigenhändig erobern zu können. Inzwischen kommen die Anrufe fast täglich. Sie kommen zu jeder Tageszeit, die Akzente kommen aus allen Kontinenten. Sie behaupten schon mal, aus Oxford anzurufen, aber genauso gut könnten sie aus Bangalore, Tschechien oder Irland sein. Ein posh accent fehlt jedenfalls. Allen gemeinsam ist die unterdrückte Rufnummer, das starke Grundrauschen, das sofort die billig angemietete Satellitenleitungskapazität verrät, die Tatsache, daß sie von mir verlangen, englisch zu sprechen, und die Tatsache, daß es sich um Telefonspam handelt.

Deutsche Telefonspammer, also meist Telcos, Reisen oder Lotterien, rühme ich mich – selbst unter Wahrung der Grundzüge zwischenmenschlicher Höflichkeit – in unter zehn Sekunden abfertigen zu können, bei diesen neuen braucht es so lange, bis überhaupt ein Level von Verständigung erreicht ist. Noch rufen sie mich im Geschäft an und wollen mir geschäftliche Dienstleistungen verkaufen, aber wie lange wird es wohl dauern, bis sie eine private Telefonnummer wählen und mich fragen, ob ich Viagra brauche, eine fast echte Rolex oder ein billiges Diplom?

Das zeigt, wie erstens die Globalisierung Grenzen verwischt, denn Callcenter können heute nicht nur überall sein, sie sind es auch, und könnte in meinen Augen zweitens auch eine proaktive Reaktion auf bevorstehende bessere Verbraucherschutzgesetzgebung sein: Ungewollte Anrufer sollen sich bald nicht mehr hinter der Anonymität der Rufnummernunterdrückung verstecken können (wobei der Gesetzgeber wohl noch nicht weiß, wie er das technisch realisieren soll), sondern belangbar werden, denn illegal ist ihr Anruf schon jetzt. Da ist es naheliegend, dorthin auszuweichen, wo der Arm des Gesetzes nicht hinreicht. So macht man es ja schließlich beim E-Mail-Spamming auch.

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