Gesundes Leben und gesunder Menschenverstand

Mit dem Vertrauen höherer Instanzen in des gemeinen Menschen gesunden Menschenverstand ist es ja nicht mehr weit her; auch man selbst sieht aber oft genug Gründe, am „common sense“ seiner Mitmenschen zu zweifeln.

Gegenwärtig hält man es wohl für gegeben, einer drohenden Gravitationsunwucht unseres Planeten durch kollektives Übergewicht der Mitteleuropäer entgegenzuwirken, da der einzelne Bürger es anscheinend nicht schafft, diese Situation unter Kontrolle zu bringen (stimmt, kann ich aus persönlicher, leidvoller Erfahrung bestätigen, doch liegt es bei mir nicht an mangelnder Information – ich weiß nur zu genau, was in dieser Schokolade und jenem Bier enthalten ist…). Daß das nicht nur bei uns so ist, ist mir auch in den zuletzt bereisten Nachbarländern Niederlande und Schweiz aufgefallen, wo der Anteil fettreduzierter Produkte größer ist als der originalbelassener. In der Schweiz, dem Land der Kühe, war es mir in manchen Supermärkten schier unmöglich, Vollmilch zu kaufen! In der hintersten Ecke hinter „Milchdrinks“ mit 0,1%, 1,5%, 2,7% Fettgehalt stand sie schamvoll versteckt. Unser Landwirtschafts- und Industrielobbyminister Verbraucherschutzminister Seehofer sorgt durch Verwässerung dabei eher für Verwirrung. Eine Ampel, also eine wirklich klare Kennzeichnung, ist mit ihm nicht zu machen. Statt dessen werden derzeit die Kalorien-, Fett- und Zuckerwerte auf den meisten Produkten als prozentualer Anteil eines GDA von 2.000 Kalorien angegeben. Ob das hilft, mag ich bezweifeln: So weiß ich aus meiner Berufsschulklasse von 1988 (alles Abiturienten), daß Prozentrechnung wirklich nicht eben fest in der Bevölkerung verwurzelt ist. Außerdem sind 2.000 Kalorien genug für einen körperlich arbeitenden Mann. Die meisten Menschen werden gut mit weniger auskommen, wollen sie in Wahrheit Gewicht abbauen, müssen sie sogar noch weiter runter (ich z. B. auf 1.200), d. h. die Werte sind schon mal um mindestens ein Viertel überhöht.

Auch andere Länder haben Packungsbeilagen, die einen arglosen Leser in trügerischer Sicherheit wiegen könnten. Eine Flasche holländischer Pfannkuchensirup, also reiner Zucker, das Teufelszeug, das es nach Meinung echter Gesundheitsfanatiker am besten nur in der Apotheke geben dürfte, enthält den Hinweis „Zucker und Zuckerprodukte passen zu einer gesunden, abwechslungsreichen Ernährung und einem aktiven Lebensstil.“

Einige der Auswüchse, die das Bemühen, unser Leben zu deichseln, annimmt, lassen aber wiederum am gesunden Menschenverstand ihrer Verfasser zweifeln. So fand ich auf einer Tüte Milch in der Schweiz die folgende Produktinformation: „Milch. Zutaten: Milch. Allergikerinformation: enthält Milch.“ Ach so.

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