Sisyphos der Literatur: Kampf der „alten“ gegen die „neue“ Weltordnung

Als ich ein Kind war, gab es im Fernsehen drei Programme, und zumindest unser Gerät zeigte die Bilder noch Schwarzweiß. In der Sesamstraße lebten Oskar und Bibo mit Herrn Hooper und einem Schwarzen. Da ein kleines Vorschulkind kein Englisch können kann, nahm ich an, der freundliche Einzelhändler hieße Huber, und Bibo hätte einen Sprachfehler. Den Integrationsgedanken hinter dem mitspielenden Farbigen (hieß er Bob?) konnte ich genausowenig verstehen, denn Ausländer kannte ich, einen Schwarzen aber hatte ich noch nie gesehen.

Ich schweife ab. Zurück zur Überschrift: Schon damals las meine Mutter sorgenvoll Elternfachliteratur, in der vor dem Niedergang des geschriebenen Worts ob der erdrückenden Allmacht des „neuen“ Mediums Fernsehen (zur Erinnerung: das Fernsehen wurde 1928 erfunden) gewarnt wurde. Allenfalls ein kleines bißchen Fernsehen dürfe man einem Kind zumuten, eben die Sesamstraßenlänge.

Bei der Erziehung meiner eigenen Kinder halte ich mich noch an ganz ähnliche Maßstäbe. Eine kindgerechte Sendung von heute heißt „Dora the Explorer“, und wider besseres Wissen versucht sie wieder, Vierjährigen die englische Sprache zu vermitteln. – Mit zehn war ich übrigens eine absolute Leseratte, die stets dienstags in der Gemeindebücherei erschien und jedes geschriebene Wort verschlang, die ??? ebenso wie Melville, seine als verdrängend beschworene Wirkung entfaltete das Fernsehen erst auf mich als mündigen Erwachsenen.

Heute sind es zwei Titanen des Literarischen, die mal wieder das Fernsehen verteufeln, Marcel Reich-Ranicki (haben Sie übrigens mal etwas von ihm gelesen? Seine Biographie vielleicht? Das ist kein Lesevergnügen…) und Elke Heidenreich. Dezent vernachlässigend, daß erst das Fernsehen beide zu dem gemacht hat, was sie heute sind, beißen sie die Hand, die sie nährt und versuchen sich erneut an dem Mythos, mit der Literatur ginge es wegen des Fernsehens bergab, und nicht wegen der Literatur. (Die Musikindustrie glaubt ja auch, CD-Kopierer und MP3 seien schuld an ihren Umsatzrückgängen, und nicht etwa die Qualität der Musik.) Wahrscheinlich sagte schon Heine beim Anblick der „Gartenlaube“ das gleiche.

Nein, halte ich dagegen, das ist nicht neu, und schon deshalb nicht richtig, weil es auch damals nicht richtig war. Das Fernsehen hat, nun ja, seine eigene Qualität, und ich will eine ganze Menge davon lieber nicht in Schutz nehmen, aber es ist nicht der Feind der Literatur, und deshalb nichts, wozu Reich-Ranicki und Heidenreich etwas zu sagen haben sollten. Sonst erreichen sie nur ein allgemeines Schütteln des Kopfes.

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