1

Die „Toyvo Vyakhya“, ein russischer Küstentanker, glitt durch die Abenddämmerung des Nord-Ostsee-Kanals. Der Kapitän schnarchte in seiner Kabine, man mochte es einen Schlaf der Gerechten nennen: Vor einer Stunde hatte ihn sein Matrose am Ruder abgelöst, und er hatte vergleichsweise wenig Wodka intus. Schiffe wie seins hatte die sowjetische Handelsmarine wie vom Fließband in die Ostsee hinausgeschickt, langgezogene, blecherne Schuhkartons, mit groben Holzbalken zum Abfendern der kleineren Kollisionen des Alltags benagelt. Einzelne hatten die glorreichen Zeiten des Kommunismus überdauert – sie hatten schon damals bessere Zeiten gesehen – und tuckerten heute noch zwischen St. Petersburg, das sie noch als Leningrad kannten, und Schweden, Dänemark oder Deutschland hin und her.

Die einsetzende Dämmerung begann die Sicht zu beeinträchtigen. Die recht voraus auftauchende Schwebefähre an der Rendsburger Eisenbahnhochbrücke hätte der Junge am Ruder trotzdem nicht übersehen können, denn sie war beleuchtet wie ein Weihnachtsbaum. Doch das Ruder war mit einem Holzkeil festgestellt, niemand war auf der Brücke…

Als ich vor der Polizeiinspektion gerade in meinen Wagen steigen wollte, hörte ich die Sirenen der Feuerwehr, die wenige hundert Meter hinter mir zum Kanal hin aufbrach. Offensichtlich die volle Besetzung. Ich zögerte, überlegte, kehrt zu machen und mich nach dem Grund zu erkundigen, entschied mich aber dagegen. Unfälle sind nicht meine Sache. Feierabend. Meine zwei Kleinen warteten auf mich.

Doch ich war noch nicht weit gefahren, als mein Handy klingelte. Es war Johann Warnken, der junge Beamte, den ich eben noch am Empfangstresen passiert hatte. „Sie sollten auch mit zur Schwebefähre fahren. Die Kollegen von der Feuerwehr haben einen Notruf, der uns auch betreffen könnte. Es gab eine Havarie mit einem russischen Tanker. Ölunfall. Aber außerdem eine vermißte Person.“ Mist. Kein Feierabend. Ich hätte in zwei Minuten unten an der Brücke sein können, hätte ich nicht gerade heute meinen neuen Wagen in Empfang genommen. Nutzlos lag das Aufsetzblaulicht auf dem Beifahrersitz – es war noch kein Anschluß eingebaut. Mist.

Unter Beachtung der Verkehrsvorschriften brauchte ich fünf Minuten, ehe ich an der Brücke ankam. Ein gespenstisches Bild bot sich im flackernden Blaulicht. Der Tanker hatte den Brückenpfeiler knapp unterhalb der Rampe für die Schwebefähre gerammt. Die Fähre hatte wohl gerade abgelegt, sie hing an ihren Stahltrossen wenige Meter von der Rampe entfernt wie eine Marionette, die vom Puppenspieler zurückgelassen worden war. Etliche Autos standen auf ihrem Deck, und man konnte die aufgeregten Fahrgäste sehen, die dort hilflos ausharren mußten.

Eine Schwebefähre ist eigentlich kein Schiff, sondern einfach eine Plattform, die an Tauen hängend unter einer Brücke hin- und hergezogen wird. Weil sie aber eine Wasserstraße kreuzt, unterliegt sie den gleichen Beleuchtungs- und Verkehrsvorschriften, als würde sie auf dem Wasser schwimmen. Die Rendsburger Eisenbahnhochbrücke und ihre Schwebefähre stammten von 1911, und beide Teile des Bauwerks waren immer noch in Betrieb.

Auf dem Wasser war das kleine Boot der Feuerwehr beschäftigt, eine Ölsperre um den Tanker zu legen, aber es war zu sehen, daß sie nicht ausreichte. Zu viel Öl trat aus. Der ganze Rest der Feuerwehrleute, das sah ich sofort, war nicht mit dem Schiff beschäftigt, sondern suchte nach Personen im Wasser. Es fehlte also jemand von der Besatzung. Ich trat zum Einsatzleiter, der an seinem kleinen Bus lehnte und gerade telefonierte. Er begrüßte mich und kam sofort zur Sache: „Das ist gerade noch mal gut gegangen für die Menschen auf der Fähre. Der Fährmann sah die Havarie kommen und legte sofort ab, einen Augenblick später rammte das Schiff genau die Anlegestelle. Aber wir haben Sie aus einem anderen Grund gerufen. Der Rudergänger fehlt.“ – „Ist er bei der Havarie über Bord gegangen? Er war doch wohl auf der Brücke?“

„Das ist genau das Problem,“ antwortete mir Paul Hansen. Der erfahrene Feuerwehrmann war sicher zu demselben Schluß gekommen, daß die Erschütterung, die durch einen auflaufenden Tanker lief, nicht reichen würde, um einen Mann aus dem geschlossenen Ruderhaus herauszukatapultieren. Er würde allenfalls stürzen und vielleicht nach der Havarie orientierungslos an Deck herumirren. Aber das war es auch nicht: „Der Kapitän sitzt da drüben. Er ist sturzbetrunken, aber er sagt, daß er die Flasche erst nach dem Unglück geleert hat, und ich glaube ihm. Er sagt, er hat auf der Brücke nur ein festgestelltes Ruder gefunden, von dem jungen Mann, ein Este, keine Spur. Er glaubt, daß der Mann mal eben pinkeln war, und das Schiff auch auf der kurzen Geraden zu weit vom Kurs abkam. Als es dann krachte, hätte der Typ wohl die Panik gekriegt und sei abgehauen. Wenn’s stimmt, müßt ihr ihn an Land suchen, nicht wir im Wasser. Wir haben sowieso genug mit dem Öl zu tun. Der Wind treibt es zurück zur Eider, und mit unserem kleinen Boot können wir es nicht aufhalten. Wir brauchen das große Ölbekämpfungsschiff aus Kiel, und das ist noch unterwegs. So lange stehen wir hier mit den Händen in den Hosentaschen.“

Ich versuchte den Kapitän zu vernehmen, aber es gelang mir nicht, viel mehr aus ihm herauszubekommen, als daß er Dmitrij hieß. Er war betrunken und völlig hysterisch, und konnte nur brockenweise Englisch sprechen. Ich würde ihn morgen mit einem Dolmetscher vernehmen müssen.

Außer dem Kapitän und dem jungen Matrosen war noch ein erfahrener Seemann und eine alte Frau an Bord gewesen. Der dritte Mann hatte sich um die Maschine gekümmert, die Frau um das Kochen. Keiner konnte weitere Angaben machen, alle waren unter Deck gewesen. Sie waren außerdem alle betrunken.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.