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Früh am nächsten Morgen fand ich mich in der kleinen Kriminalpolizeistelle der Rendsburger Polizeiinspektion ein. Schlaf hatte ich wenig gefunden, denn unser Haus liegt nahe am Kanalufer, und der Ölgeruch trieb zu uns herüber. Außerdem hatte ich den ganzen Abend damit verbracht, unsere Kinder zu beruhigen, daß die Eiderenten nicht besonders gefährdet sein würden, weil es ja keine direkte Verbindung zwischen Eider und Kanal gibt, wenn auch nur der Damm mit der Straße dazwischen liegt.

Jetzt las ich den vorläufigen Bericht der Feuerwehr noch einmal durch. Es stand wenig genug drin: Das Schiff war ohne äußere Einwirkung mit der Uferbefestigung kollidiert, Grund war menschliches Versagen, genauer gesagt das Verschwinden der Wache, so weit ungeklärt. Ob der Mann vor der Kollision verschwunden war oder erst danach, war für mich die entscheidende Frage: Hatte er die Sache fahrlässig herbeigeführt und war dann geflohen, oder war Absicht im Spiel? Hatte ihn jemand aus dem Weg geschafft, gab es vielleicht einen Streit mit einem anderen Besatzungsmitglied?

Ich mußte einen Dolmetscher aus Neumünster beschaffen, um die Besatzung vernehmen zu können. Zu spät bedachte ich, was mir Hansen gesagt hatte: daß der Verschwundene Este gewesen war, denn das war, wie ich alsbald herausfand, die ganze Besatzung bis auf den Kapitän. Nur mit ihm konnte sich unser Dolmetscher auf russisch unterhalten. Das Estnische ist dem Finnischen verwandt, und der Kapitän des Tankers hatte sich mit seiner eigenen Besatzung nur in englischen Brocken über das Nötigste verständigen können. Der arme Teufel tat mir leid. Er war verzweifelt und völlig ratlos, was den Unglückshergang betraf. Immerhin konnte er mir mehr zu dem Verschwundenen erzählen: Der war nämlich erst auf dieser Fahrt zugestiegen, auf Empfehlung des zweiten Esten, als der einzige weitere Russe an Bord, der eigentlich Maschinist war, mit einer Blinddarmentzündung in einem Krankenhaus in Danzig zurückgelassen werden mußte. Der junge Mann war wie zufällig aufgetaucht, er hatte ein gültiges Seemannsbuch und einen Paß gehabt, und das war viel. Ein bald 25 Jahre alter Tanker unter russischer Flagge war nicht eben ein Arbeitsplatz, für den Bewerber Schlange standen.

Nach Antwerpen hätte die Fahrt gehen sollen. Daraus wurde nichts. Mein russischer Gast würde alsbald nirgendwo hingehen, sein Schiff war manövrierunfähig, und wer weiß, was die Reederei veranlassen würde. Es war leicht denkbar, daß der Russe alles liegen lassen und nach Hause zurückkehren würde, deshalb ließ ich sicherheitshalber seinen Paß einziehen. Dann telefonierte ich wieder mit Neumünster, um zu erfahren, daß ein estnischer Dolmetscher erst gesucht werden müsse. Vor mir lag der Paß des estnischen Matrosen, Arvo Pärnu, jünger als das Schiff, auf dem er fuhr, ein nichtssagendes Gesicht auf einem kaum erkennbaren Foto. Würde er nicht abgerissene Arbeitskleidung tragen und nach Öl riechen, würde ich ihn vermutlich nicht erkennen, wenn er in der Bäckerei in der Schlange vor mir stünde. Und außer genau diesen Fakten hatte ich keinen Anhaltspunkt, wo ich nach ihm suchen sollte.

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