Verstehen sie das? Ich erkläre es ihnen mal

Als wandelnde Rechtschreibkontrolle darf man sich heute ja outen, weil „Zwiebelfisch“ Bastian Sick gesellschaftsfähig gemacht hat, was mich schon lange vorher umtrieb: Spitzfindigkeit. Wer am Inhalt seines Gegenübers wirklich nur die Form zu monieren hat, hier also die Rechtschreibung, der ist argumentativ in der Defensive. Wer aber umgekehrt glaubt, Form sei nichts, der kann bekanntlich schreiben wie er will – nur ob er dann gern gelesen wird, ist zweifelhaft.

Mein Aufreger der Woche ist die Anrede-Großschreibung. Auf den Aufstellern vor Würstchenbuden, Friseursalons oder Handyläden ist man ja einiges gewohnt, aber als ich das Interview im Feuilleton der Welt am Sonntag las, und die Fragen der Journalistin dort reihenweise mit kleinen „sie’s“ geschrieben fand, war ich schon enttäuscht.

Eher schmunzeln mußte ich, als ich eine Werbemail meines Lottoanbieters erhielt: „Eine Tippgemeinschaft hat 2,1 Millionen Euro auf Ihrem Tippschein gewonnen!“ hieß es da. Das paßt zum schon fast klassischen „Eltern haften für Ihre Kinder“, und in beiden Fällen frage ich mich, ob ich den Rechtsanspruch auf Gewinn oder Haftung wohl einklagen könnte – bei der Tippgemeinschaft oder irgendwelchen Eltern, oder eher bei der Lottogesellschaft oder dem Baustellenbetreiber. Es paßt auch zum Interview mit Olaf Scholz im Vorwärts, es eröffnet mit der Zeile „Herr Minister, Millionen Deutsche sorgen sich angesichts der Weltwirtschaftskrise um Ihren Job.“ Tja, ein Ministersessel steht tatsächlich wackelig in diesen Tagen, aber ob es wirklich das war, was die parteitreue Zeitung sagen wollte?

Auch die Elternbriefe unseres Kindergartens weisen eine Unregelmäßigkeit aus, und zwar eine regelmäßige: Dort wird „Sie“ stets groß geschrieben, das dazugehörige „ihnen“ aber stets klein. Vertipper scheinen ausgeschlossen, das meint jemand wirklich so.

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