Messen, zählen, schätzen, wiegen

Äh, rote Linsen? Zählen? Ja, aber dazu komme ich gleich.

In meiner Kindheit gab es, genauso wie heute, gesundes und weniger gesundes Essen, und genauso wie heute unterhielten sich gerade Eltern sehr schön ausgiebig über dieses Thema. Convenience Food kam neu auf und war, zumindest in unserer schön früh ökologisch geprägten Schulumgebung, sogleich verpönt (wurde aber heimlich trotzdem serviert, weil es eben so schön konvenierte…). Eines aber war damals anders: Hersteller hatten viel stärker den Deckel auf ihren Zutatenlisten. Wie viele Kalorien ein Glas Coca Cola hatte (weiß man heute: 105 kcal/250 ml) war ein Geheimnis, über den Zuckergehalt einer Colaflasche (106 g) in Würfeln (36) wurde unter der Hand ganze Elternabende lang diskutiert.

Heute haben wir alle diese Informationen. Das einzige, was man uns vorenthalten hat, ist die geforderte Ampel; gegen die einfache Kennzeichnung, „das ist gut“, „das ist Mist, laß die Finger davon“ oder „das ist OK, wenn du es in Maßen ißt“ hat sich die Nahrungsmittelindustrie erfolgreich gewehrt. Statt dessen gilt jetzt also weiterhin, „wer lesen kann, ist klar im Vorteil“ – nur, wer liest sich tatsächlich das ganze durch, wer macht dann noch ’nen Dreisatz, oder eine Tabelle über seinen tatsächlichen Konsum im Dreieck von Kalorien, Zucker und Fett?

Auftritt der roten Linsen. Ich habe nämlich den Plan, mir einmal ein paar Relationen unseres Ernährungsplans zu visualisieren. Und als ich mir so überlegte, wie ich das am besten mache, blieb ich natürlich bei den Kalorien hängen. Biestige kleine Dinger, Kalorien. So alt wie die Welt, sind sie schon seit meiner Kindheit durch Joule ersetzt, eine Ersetzung, die sich ungefähr so durchgesetzt hat wie „going metric“ in England. Mit gesundem Pragmatismus werden Joule und Kalorien nebeneinandergeschrieben und die Joule geflissentlich ignoriert – man sollte denselben Pragmatismus bei Bildschirmdiagonalen in Zoll walten lassen. Kalorien also: 2.000 Kalorien ist der empfohlene Tageshaushalt des Durchschnittsbürgers. Wie visualisiert man die? Nicht eine einzige davon zeigt sich dem menschlichen Auge, auch nicht unter dem Mikroskop, denn Kalorien sind nur eine abstrakte Einheit, ein „Brennwert“, sie sind im Essen gar nicht wirklich „drin“. Naja, da kam ich dann auf die roten Linsen. Die sind visuell markant, leidlich abstrakt (klar, sie sind selbst ein Lebensmittel, haben also auch einen Brennwert in Kalorien, aber zumindest roh nicht zu essen) und ökologisch gut zu handhaben (fotografieren, dann kompostieren). Zucker durch Würfelzucker darzustellen ist nicht eben eine radikale Neuerung, und statt mir Reinfett (Schmalz) heranzuholen, das ich dann wegwerfen muß, werde ich Butter nehmen, obwohl die natürlich keinen echten Fettgehalt von 100% hat (sondern 80-90%).

Demnächst werden hier also Nahrungsmythen aufgerollt in einer Artikelreihe, die sich mit Zuckerwürfeln, Butter und roten Linsen über Wasser hält.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.