Wohlfahrt, ein knappes Gut, und fiftyfifty

Offener Brief an Bruder Matthäus und Hubert Ostendorf, Macher der Düsseldorfer Obdachlosenzeitung fiftyfifty:

Seit ich in Düsseldorf lebe, unterstütze ich die Arbeit von fiftyfifty, im Kleinen, indem ich die Zeitung regelmäßig kaufe. Das ist mir eine Ehrensache, ich habe früher in Hamburg mit Hinzt & Kunzt genau das gleiche gemacht. Sie zu kaufen, ist ein kleiner Beitrag zur Wohlfahrt, sie zu lesen ist informativ – man gewinnt Eindrücke in das Leben von Menschen am Rand der Gesellschaft, ihre Probleme, aber auch ihre Motive, die sie dort hingebracht haben – und auch unterhaltsam, denn das Blatt ist ehrlich gut gemacht.

Immer schon hat die Obdachlosenhilfe von fiftyfifty sich für die Ärmsten der Armen eingesetzt. Auch jetzt ist sie an vorderster Front dabei, wo sich eine neue Wunde öffnet: die Not rumänischer Roma und Sinti, EU-Bürger der neuesten Stunde, die jetzt an unsere Tür klopfen, und von allen Seiten harsch zurückgewiesen werden. Ich kenne Rumänien seit einem Besuch 1996 durch ein Studentenprojekt – es ist sicher keine Erfindung, daß die Not in diesem Land so groß ist, daß es den Armen dort noch besser erscheint, bei uns beschimpft und herumgeschubst zu werden als als in ihrer Heimat genau gar nichts zu haben („ich kenne die amerikanischen Gefängnisse, sie sind wie russische Hotels“ sagte Arnie Schwarzenegger 1988 in „Red Heat“ – aber das war eine Komödie, dies ist das wahre Leben).

Es ist auch sicher keine Erfindung, daß die Rumänen es hier bei uns ohne Arbeitserlaubnis und Krankenversicherungsschutz bemitleidenswert schlecht haben. Mehr noch, es ist sogar politisch gewollt, denn ein Anreiz, hierherzukommen, sollte im Zuge der EU-Erweiterung gerade eben nicht geschaffen werden.

Und deshalb ist der Ansatz von fiftyfifty hier problematisch: humanitär und aus Glaubenssicht („was du getan hast am Geringsten unter ihnen, das hast du an mir getan“) verständlich, unterläuft er doch diese eben gewollte Begrenzung, und stellt uns einfache Düsseldorfer Zeitungskäufer vor eine Belastung: Denn Wohlfahrt ist eben, das habe ich in der Volkswirtschaft gelernt, auch ein knappes Gut, das den gleichen Gesetzen von Angebot und Nachfrage unterliegt, und das jetzt auf mehr Köpfe aufgeteilt werden muß. Für jede Zeitung, die ich bei einem rumänischen Verkäufer kaufe, geht mein Stammverkäufer leer aus. Deswegen ist es umso beeindruckender, daß gerade die einheimischen Obdachlosen sich mit dieser Teilung einverstanden erklären und uns Reicheren damit gelebte Solidarität vormachen. Doch können am Ende wir, die Käufer und Verkäufer einer kleinen regionalen Zeitung, die Armut eines Landes am anderen Ende der EU auffangen und lindern? Was für ein Zeichen setzen wir, wenn wir es tun? Und: was für ein Zeichen setzen wir, wenn wir es nicht tun?

Zeitungskaufen ist nicht eben leichter geworden.

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