Der Große Rumms und „Get some Sense of Proportion“

Die Lage in Japan hat sich über das Wochenende in einer Weise entwickelt, mit der ich als normaler Familienvater, der z. B. zwei Kindern das Inlineskaten beigebracht, den Vorgarten auf Frühling getrimmt und dazwischen ab und zu mal ins Internet geschaut hat, kaum Schritt halten konnte. Wie viele Reaktorkerne sind jetzt „ein bisschen“ geschmolzen? Drei? Vier? Wie viele Menschen sind ertrunken? 30? Anderthalbtausend? Zehntausend oder Zehntausende?

Wer eine solche Katastrophe in Echtzeitmedien verfolgt, erhält ein völlig anderes Bild als einer, der eine Tageszeitung liest. Twitter und seine Freunde geben uns unreflektierte, einzelne Augenzeugenberichte in Echtzeit, aber keinerlei Überblick. Renommierte Medien mit einer vertiefenden Analyse sind hoffnungslos verspätet. Die informationelle Wahrheit muss mal wieder irgendwo in der Mitte liegen, aber wo?

Das Ereignis in Japan hat ein Ausmaß, das niemand hat vorhersehen können. Dass es aber kommen würde, war offenbar so klar wie Kloßbrühe. Deshalb darf niemand, der in Japan ein AKW baut, überrascht sein, wenn so etwas passiert, und deshalb bin ich überrascht, dass man sich anscheinend nicht auf Magnitude 9, sondern nur auf Magnitude 8,2 vorbereitet hat (das ist etwa 7× so stark, da es eine logarithmische Skala ist – übrigens nicht die Richterskala, selbst Ranga Yogeshwar verwechselt das). Es darf als beachtlich angesehen werden, dass das AKW in Fukushima trotzdem das Gröbste ausgehalten hat. Eine Menge anderes ist dafür nicht so gut gelaufen. Generatoren und Kühlsysteme haben nicht alles mitgemacht, und am Ende flog der Hütte sprichwörtlich das Dach weg (aber eben nur das, ein äußeres Gebäude, das keine Schutzwirkung hat). Ein ausführlicher Artikel findet sich hier, er hilft einiges zu verstehen, ist aber a) apologetisch, b) inzwischen in Teilen überholt und enthält c) offensichtlich Fehler, weil er zwar anscheinend von einem ETH-Ingenieur stammt, aber eben keinem Atomwissenschaftler, und erst recht keinem mit den örtlichen Gegebenheiten Vertrauten. Die Kommentare von „Daniel“, angeblich ein Junior-Mitarbeiter beim japanischen Stromkonzern TEPCO, sind weiter erhellend. (Update: Dieser Artikel hatte wohl für mehr Aufreger gesorgt, als ein privates Blog ertragen konnte, und er wurde in ein Blog von Studenten des MIT verlegt, wo er weiter moderiert wird. Man beachte, das er deswegen nicht etwa ein offizielles MIT-Organ ist. Einige Fehler wurden korrigiert, aber er ist immer noch tendenziös. – Lesenswert auch diese Analyse, die den Autor noch tendenziöser und apologetischer aussehen läßt als ich dachte. Ich finde übrigens immer noch, dass dort einige Punkte anschaulich erklärt werden. Aber gerade der Eröffnungssatz „Why I am not worried“ hat natürlich inzwischen viel an Kraft verloren. Ich frage mich, ob Dr. Oehmen sich immer noch keine Sorgen macht.)

Anscheinend ist es eher schlimmer als der Autor uns glauben machen will, aber eben, und darum geht es ihm, nicht so schlimm, wie einige Fernsehsender usw. suggerieren; etwas mehr Unaufgeregtheit ist manchmal angebracht. Partielle Kernschmelze ist eben nicht gleich Super-GAU und messbare Strahlung nicht gleich tödliche Dosis – in diesem Zusammenhang sei auf die „banana equivalent dose“ verwiesen. (Manchmal ist es eben wichtig, die Dinge im richtigen Verhältnis zueinander zu betrachten – manchmal nicht, wie Douglas Adams weiß.)

Ich muss da etwas an mich halten. Ich war immer gegen Atomkraft, also kann ich sagen „ich hab’s ja immer gesagt!“, aber besonders konsequent das Maul aufgemacht habe ich nie, bin in den 80ern nicht demonstrieren gegangen. Immerhin haben wir jetzt seit einem Jahr Naturstrom. Der Oetting hat’s schön gesagt.

Japan hat heute natürlich einen ganzen Sack voll Probleme, die Nuklearunfälle sind nur ein Stein in einem Mosaik. Eine unermesslich große Zahl Menschen ist obdachlos, eine immer noch ziemliche Zahl tot. Strom und Trinkwasser fließen nicht. Jetzt brauchen sie als Hightech-Land die gleichen Dinge wie in der 3. Welt, Decken, Antibiotika, mobile Wasserwerke. Soll man da spenden? Wo Japan doch selbst (jedenfalls Stand letzte Woche) eins der reichsten Länder ist? Neue ethische Fragen tun sich auf, die z. B. auch im Presbyterium unserer Kirchengemeinde durchaus für Kontroversen sorgen.

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