Das Dorf vor dem ESC

Als geborener und gebürtiger Hamburger lese ich den SPIEGEL seit bald 20 Jahren. Seit fast einem Jahrzehnt lebe ich aber in einer Stadt am Rhein, die für jeden billigen Spaß mit ihrem Beinamen „-dorf“ herhalten muß. Und einen billigen Spaß hat sich auch der SPIEGEL in seiner aktuellen Ausgabe mit Düsseldorf, dem Austragungsort des ESC, gemacht.

Streithähne wie hier in der Düsseldorfer Altstadt müssen nicht sein

Vielleicht sind die Hamburger neidisch, weil sie den zweifelhaften Ruhm nicht teilen, zu den 50 teuersten Städten re Wohnraumpreise zu gehören, vielleicht auch schlechte Verlierer, weil sie sich ja auch um die Austragung des ESC beworben hatten und es bei Austragungsorten nun einmal keine Silbermedaillen gibt. Sicher ist aus hanseatisch-unterkühlter Sicht der laut zur Schau getragene Reichtum der Kö ein mindestens so großer Graus wie der laut zur Schau getragene Humor des Karnevals. Der Hamburger schätzt sein hanseatisches Understatement, möchte aber bitteschön auch bei dessen Ausübung bemerkt werden. Und vermutlich kommt die Stadt der ehrbaren Kaufleute schlecht mit einer Stadt klar, die kaufmännisch erfolgreich geführt wird. So oder so, der SPIEGEL wirkt beleidigt.

Die Stadt am Rhein ist keine Millionenstadt, aber über Wortspiele mit dem Namen „Dorf“ wahrlich erhaben. Weltstadt geht auch mit Umlaut. Sie hat sich im Vorfeld des ESC manchen Patzer erlaubt – angeführt vom hochnotpeinlichen „Wielcome“ – und wird noch auf Jahre hinaus eine Großbaustelle sein, die eigentlich gar nicht präsentabel ist, voraussichtlich bis meine Kinder konfirmiert werden. Aber soll sie deswegen jedwede Aktivität einstellen? Sie hat sich etwas vorgenommen, und sie wird das stemmen. Und zwar mit bewährter rheinischer Lebensart (von der sich „das Hoch im Norden“ wirklich etwas abschneiden könnte) und insgesamt recht professionell.

Sie wird auch fertig mit Artikeln, die OB Elbers mit Rainer Brüderle vergleichen (ich bin Sozialdemokrat und habe den Mann nicht gewählt, aber das hat er wirklich nicht verdient), oder den Wegzug von ThyssenKrupp als Zeichen wirtschaftlichen Niedergangs lesen (der Konzern brachte „so viel Gewerbesteuer wie eine Pommesbude“, schimpfte der damalige OB, und sein Abgang markierte eigentlich nur das Ende eines Prozesses weg von der alten Stahlindustriestadt, der längst vollzogen ist), die schale Witze über die Erbfeindschaft mit Köln oder das Altbier machen (muß ich jetzt wirklich auf die Haßliebe zwischen den Hansestädten Hamburg und Bremen eingehen?).

Wirklich, mein Hamburg, mein SPIEGEL, das hast du doch nicht nötig.

3 Gedanken zu „Das Dorf vor dem ESC“

  1. Danke für die Einordnung.

    Ich habe den Spiegel gestern auf meinem Heimflug genau wegen dieses Artikels mitgenommen (wird bei Lufthansa kostenlos ausgeteilt). Die letzte Ausgabe, die ich käuflich erworben habe, war im ersten Semester – das ist also schon ein paar Jahre her.

    Dieser Artikel wird auch nichts daran ändern (ja, das birgt kein Drohpotential). Als Kommentar wäre er keine Erwähnung wert. Als Artikel über den ESC ist die Wortwahl aber zu deftig, inhaltlich geht dieser am Thema völlig vorbei und ist lediglich simples Draufhauen. Die Kostensteigerung, worüber es sich zu diskutieren lohnen würde, wird nur in einem Nebensatz erwähnt. Der abschließende Satz ist einfach nur unverschämt und ist, wenn man etwa die Berichte auf der off. Seite oder bei Facebook verfolgt, schlicht falsch.

    Kurzum: Diese Zeilen sind mehr Meinung als Mitteilung.

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