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über das Buch, das ich gern schreiben möchte

Hinterheiabettzimmer und ISBN

Wer viel liest und auch gern schreibt, ob er nun bloggt oder was mit Social Media macht, hat nicht selten auch Ambitionen, sich richtig Schriftsteller nennen zu können. Ich nehme mich da nicht aus. Ich nenne einen Ordner Romanentwürfe mein Eigen, er enthält etliche Synopsen, erste Kapitel, ein paar zweite, viel zu wenige dritte. Auch Versuche, den Druck zu erhöhen, wie NaNoWriMo, ein November, bei dem man sich gegenseitig anspornt, eine Story in einer Wortzahl durchzupeitschen, die eigentlich nur mit Vollzeit zu schaffen ist, gingen vorbei.

Nun aber habe ich eine ISBN. Genau genommen bin ich Teil eines Gesamtwerks, Nr. 175 von derzeit 246, am eBook 1000 Tode schreiben von Christiane Frohmann. Es ist eine Sammlung von Kurzgeschichten zum Thema Tod. Und ich fand darin genug Grund, ein paar Worte zu lancieren, die mein Leben begleiteten:

  • Hinterheiabettzimmer
  • Kästeklippen
  • Leutaschklamm

Zwei sind in Google Maps. Eines nicht. Dabei könnte ich jeden Zentimeter dieses Zimmers beschreiben, das es so nicht mehr gibt, seit ich zehn war. Hier stelle ich also vor: meinen Opa.

„Wie geht es ihm?“ – „Moin. Na, er ist verstorben.“ Die psychologische Schulung Hamburger Rettungswagensanitäter ist ausbaufähig.

Das ist es natürlich nicht, was ich denke in diesem Augenblick. Der Vermieter meines Großvaters hatte uns angerufen, und den Notarzt gleichzeitig. Mein Vater und ich rasten zu seiner Wohnung, und dies war der Dialog zur Begrüßung, als wir ankamen und die beiden Männer gerade wieder ihren RTW bestiegen. Ihr Job war bereits erledigt. Unser Tag fing erst an.

Rückblick. Ein Samstag im September 1989, ich bin ein junger Erwachsener, Opa war bis gerade ein rüstiger Senior von 99 Jahren. Bis Dienstag war er bei bester Gesundheit gewesen. Eigentlich stehen die Bilanzen nicht schlecht, ein langes, erfülltes Leben und ein kurzer, gnädiger Tod.

Tieferer Rückblick. Der kleine Thomas freute sich am meisten auf die Sonntage bei Opa, er durfte im Hinterheiabettzimmer schlafen, im Flur der Altbauwohnung mit den hohen Decken war eine lange Schaukel montiert, und am Sonntagmorgen ging es oft ins Planetarium im Wasserturm oder zum Schwimmen in den Stadtparksee. Der mittelgroße Thomas reiste mit Opa in den Harz oder nach Mittenwald, sie stiegen auf die Kästeklippen, wanderten am Dammgraben oder nahmen die Seilbahn auf den Karwendel, stiegen in die Leutaschklamm. Ein alter Mann mit einem Stock, der noch überall hinkam, die Leute guckten neugierig, dabei sahen sie ihm gar nicht an, wie alt er in Wirklichkeit war.

Zwischen dem kleinen Thomas und dem mittelgroßen lag ein Ereignis. Zehn Jahre war Thomas alt, Opa 88, als der Krebs ihn fällte. Es war eine seltene Ausprägung, vor allem aber „war er ja schon alt“, kaum ein Arzt räumte ihm Hoffnung ein. Sie hatten ihre Rechnung ohne einen Menschen gemacht, der zwei Weltkriege überlebt hatte, zwei Ehefrauen und zwei Söhne, der seit seinem 26. Lebensjahr mit einer Kriegsbehinderung lebte. Als es ihm richtig dreckig ging, erzählt Vater erst viel später, sagte Opa auch, er wolle nicht mehr leben. Wollte er dann aber doch. Als Opa ein halbes Jahr später nach einer Operation nach Hause ging, kaufte er sich erst einmal ein neues Fahrrad. Die folgenden elf Jahre sind Geschichte, zumindest für Thomas, den Enkel. Eine Kindheit und Jugend ohne diesen Großvater? Unvorstellbar.

Zurück zum Samstag. Zu den Formalitäten, die man niemand wünscht, gehören zwei verständnisvolle Polizisten, auf deren Anruf der Notarzt bestanden hat, und ein fischkalter Hausarzt. Kühl sagt er uns, dass der Krebs Opa wieder eingeholt hatte, habe er schon seit einem halben Jahr gewusst, aber niemand etwas gesagt, denn es sei ja klar gewesen, dass da nichts mehr zu machen war. „Er war ja schon alt.“

Ich kann an keiner Diskussion über das Altern in Würde und die Grenzen des Lebens teilnehmen, ohne daran zu denken, was gewesen wäre, wenn die einen Ärzte beim ersten Mal – scheinbar mit jeder Berechtigung! – genauso gedacht hätten wie der andere beim zweiten.

Müsli

Der Widerschein des Blaulichts schien noch an den Fassaden zu kleben, obwohl der Notarztwagen und die meisten Polizeifahrzeuge schon wieder abgerückt waren. Die Rendsburger Fußgängerzone lag wieder still im Dunkel der Nacht, nur der Kombi von Hauptkommissar Arbs stand noch vor dem Haus, in dem die Lichter heute nacht nicht ausgehen würden.

Oben stakste der Kommissar durch die Wohnung, vorbei an den zahllosen Markierungen, die die Frauen und Männer von der Spurensicherung aus Schleswig hinterlassen hatten. „Seine“ Tote war bereits abgefahren worden, sie würde die Nacht in einer gekühlten Schublade verbringen. Er schaute sich um. Musikinstrumente, Noten und eine umfassende Sammlung klassischer – und gleichzeitig altmodisch wirkender – Schallplatten bestätigten ihm, was er schon wußte: eine junge Musikerin hatte hier gelebt. Ein Silent-Piano, ein Instrument, mit dem man üben kann, ohne Anstoß bei den Nachbarn zu erregen, war der herausragendste Beweis.

Doch das war nur die eine Hälfte des Lebens der jungen Frau. Der Kommissar sah auch den noch eingeschalteten Laptop auf der Küchentischkante, einen teuren Apple, im Webbrowser waren eine Vielzahl von Seiten sozialer Netzwerke geöffnet. Daneben lag ein Polaroid, es zeigte eine Flasche Bier und eine Schale Müsli, stumme Boten einer Henkersmahlzeit, die dort vorhin noch gestanden hatten. Natürlich hatten die Kollegen diese Lebensmittel fotografiert und dann mit ins Labor genommen.

Denn es war wohl entweder ein perfider Mord oder eine banale Lebensmittelvergiftung gewesen, die die Musikerin vom Küchentisch auf den Stahltisch der Gerichtsmedizin gebracht hatte, nachdem ihre vernetzten, „virtuellen“ Freunde den Notruf alarmiert hatten. Es hatte eine Weile gedauert, der Anrufer kam aus Düsseldorf und wußte zunächst gar nicht, wo sich seine Gesprächspartnerin in Gefahr befand, aber daß sie sich in Gefahr befand, hatte er mitbekommen. Am Ende kam der Arzt zu spät.

Es ist mal wieder so weit, der Autor sattelt sein Pferd und versucht, dem Leben des Rendsburger Hauptkommissars neuen Schwung zu geben. Die letzte Story ist irgendwie versandet, sie hatte leider auch noch nie ein Ende, auch nicht in meinem Kopf, das war eins der großen Probleme. Diese hat eins, ich verdanke es einer befreundeten Bloggerin. Ich denke übrigens über eine Hörspieladaption nach, denn das ist bei ihr gerade Thema.

Robert Harris – Ghost

Robert Harris "Ghost"Robert Harris „Ghost“ ist zunächst einmal kein gespenstischer Geist, sondern im deutschen besser bekannt als Ghostwriter, ein Autor, der es gewohnt ist, im Hintergrund zu bleiben und berühmten, aber entweder verbal oder zeitlich beeinträchtigten Menschen beim Schreiben ihrer Werke zu helfen. Bei Harris mischt sich stets geschichtliches Fakt mit Fiktion, anfangs in der Nazizeit („Vaterland“ und „Enigma“), zuletzt im alten Rom („Pompeji“, „Imperium“, demnächst „Conspiracy“), und so ist es auch hier, diesmal Zeitgeschichte, nämlich der „War on Terror“ und die Verstrickungen des letzten britischen Premierministers.

Tony Blair, Entschuldigung, Adam Lang hat sich aus diesem Amt verabschiedet und will jetzt seine Autobiographie abliefern, als sein langjähriger Redenschreiber und eben letzter Ghostwriter unter unklaren Umständen von der irdischen Bühne abtritt. In der Form des Ich-Erzählers tritt ein neuer Ghostwriter an, um zusammen mit dem Ex-Premier dessen Vergangenheit abzuwickeln, als ihn dieselbe einholt und ihn in der Gegenwart zu überrollen droht. Eine Reise nach Den Haag droht, wo Carla Del Ponte (Entschuldigung, diese Tessinerin wurde durch eine namenlose Spanierin ersetzt) mit einer Anklage wegen Verschleppung von britischen Staatsbürgern aus Pakistan und dazugehörigen CIA-Foltervorwürfen wartet. Der Autor wird zum unfreiwilligen Ermittler und deckt eine Weltverschwörung ungeheuren Ausmaßes auf, von der doch jeder Pub-Besucher der letzten Jahre gesagte hätte „I told you!“

Man muß schon recht gut informiert sein, um hier die verwischenden Grenzen zwischen Realität und Fiktion zu erkennen, so geschickt arbeitet Harris mit tatsächlich passierten Nachrichtenbildern und solchen, die genau so aussehen wie die ersteren. OK, die Bettszene mit Cherie Blair hätte nicht sein müssen, aber ansonsten ein brillantes Buch.

Mehr Stoff

In einem ungeahnten Kreativitätsschub unbekannter Ursache hat der Autor den Plot weiter umrissen und in Stichworten mehrere Kapitel zusammengekloppt, naja fast. Das war ein wirklich unerwarteter Schritt vorwärts. Es ist also noch nicht alles „verloren“…

Außerdem planen wir jetzt fest eine Forschungsreise nach Rendsburg in der Woche nach Ostern.

Darf ich vorstellen: mein Ururgroßvater

Ein kleiner Appetizer auf das große Werk: Mein Ururgroßvater Carsten Christian Heinrich Arbs (1817-1903). Er lebte in Rendsburg, diente im 19. Jahrhundert mal den Deutschen, mal den Dänen, und war, obwohl ohne Ausbildung, am Ende seiner Dienstzeit Polizei-Commissar.

Heinrich Arbs

Sein Leben, in dessen Verlauf er zehn Söhne und eine Tochter zeugte, die alle Arten von Stellung in der kleinen norddeutschen Stadt innehatten – vom Stadtsekretär zu Gastwirten, Kinobesitzern und Uhrmachern – wird als wahrer Hintergrund hinter dem fiktiven Hauptkommissar Rudolf Arbs stehen, dem Helden des Buchs. Dessen Vita ist ein „Was-wäre-wenn“: Wenn mein Großvater nicht nach Hamburg gezogen wäre, wenn nicht nie wieder ein Arbs Polizist geworden wäre, dann, ja dann wäre das Buch vielleicht autobiographisch…

Ein Blick in mein Buch

Zu meinem eigenen Werk (die ersten Seiten sind geschrieben…) hier nur mal die Ultrakurzfassung:

Als der Rendsburger Kommissar Arbs in einer ungewöhnlichen Schiffskatastrophe auf dem Nord-Ostsee-Kanal ermittelt, ahnt er nicht, daß nicht die Russen, sondern die Erbfeindschaft zwischen Deutschen und Dänen im nördlichen Schleswig-Holstein mit seinen durch die Geschichte wechselnden Grenzen den Tathintergrund bilden. Der Fall verwebt sich mehr und mehr mit seiner eigenen Familiengeschichte – schon sein Ururgroßvater ermittelte als Polizist im damals dänischen Rendsburg. Der Roman verbindet wiederum wahre Elemente meiner Familiengeschichte (den Ururgroßvater in der Rendsburger Polizei gab es wirklich) mit einer Entwicklung auf eine fiktive Gegenwart hin (ich bin kein Polizist, insofern keine autobiographischen Elemente).