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Zwar nicht schon immer, aber derzeit meine Stadt

Mit dem Ticket 2000 nicht zur Arbeit

Die Harkes (eine anonyme Musterfamilie, die rechnen kann) sind eine radfahrfreudige Familie, und morgens um halb acht machen sich vor der Garage einige klar, zu Grundschule, Gymnasium und Job zu radeln. Niemand von ihnen nimmt das Ticket 2000,  das auf der Anrichte liegt, das ginge auch noch gar nicht, denn es ist ein Neun-Uhr-Ticket.

Ticket 2000Warum aber haben sie dann eins? Nun, die Familie Harke als Ganzes, Mutter als Ernährerin, Vater als Hausmann und drei Kinder zwischen acht und 14, teilen sich ein übertragbares Ticket 2000 für diverse Touren in die Stadt und Ausflüge ins Umland, bei denen sie eine Menge Geld sparen. Sachen, die in der Musterfamilie schon mal passieren: ca. einmal pro Woche fährt ein einzelner Erwachsener für eine Besorgung in die Innenstadt, ein weiteres Mal ein Kind, sowohl die Elfjährige als auch der Vierzehnjährige sind schon allein unterwegs. Ein weiteres Mal pro Woche fährt der Vater mit der Achtjährigen zum Sport in den Süden der Stadt – wenn sie nach der Schule reinfahren, muss er ein Kinderticket dazu lösen, aber zurück kommen sie nach 19:00 Uhr, da können sie jeden Tag zu Mehreren auf der Karte fahren. Ungefähr jeden zweiten Samstag fährt die ganze Familie zum Shoppen in die City, zwei Erwachsene und drei Kinder sind alle mit der Karte abgedeckt.

Vor allen Dingen machen sie an den Wochenenden gern Ausflüge mit der ganzen Familie, da passiert schnell mal Folgendes: Einen Sonntag fahren sie nach Xanten, um sich den archäologischen Park, das Römer-Museum, anzusehen. Einen anderen Tag fahren sie nach Oberhausen zum Legoland Discovery Centre. Am dritten Sonntag wollen sie sogar mal in die benachbarten Niederlande, nach Venlo, um ihren Vorrat an Pfannkuchensirup und Schokostreuseln für das Frühstücksbrot aufzufüllen.

Das ist nacheinander einmal Preisstufe D, einmal B, und selbst Venlo liegt noch im VRR. Fünf Personen. Alles im Ticket 2000 inbegriffen. 52,09 € kostet das Neun-Uhr-Ticket im Abonnement, für die eine Kinderfahrt pro Woche müssen wir ein Vierer-Ticket zu 5,90 € dazurechnen, macht monatliche ÖPNV-Kosten von 57,99 € für die Harkes.

Würden sie sagen, da die meisten dieser Fahrten nicht regelmäßig sind, lohnt sich ein Abonnement gar nicht, was würde der Beispielmonat sie kosten? Nun, wenn sie alle diese Fahrten mit Vierer-Tickets oder Tageskarten machen würden (Einzel-Tickets nimmt man ja besser gar nicht, die sind noch teurer), wären wir bei 209,15 €. Ups. Das Vierfache. Man braucht nicht lange zu sagen „ja aber, man fährt ja nicht immer so viel,“ um zu sehen, dass die Rechnung trotzdem aufgeht.

Ist also alles toll? Nun, Papa Harke merkt an, dass es auch ein paar Ecken gibt, die nicht so gut funktionieren. So kann ein Fahrrad mitgenommen werden (Zusatzticket à 3,30 € je Fahrt gespart), aber auch am Wochenende nur eines, die vier anderen müssen, wollten sie z. B. nach Essen, um gemeinsam um den Baldeneysee zu radeln, je ein Fahrrad-Tages-Ticket für 4,70 € lösen. Und will man den Altbieräquator kreuzen und nach Köln, ist das VRR-Gebiet nach Süden viel kleiner und endet in Langenfeld, die ganze Familie muss für 29,75 € Zusatztickets lösen und ist damit kaum mehr billiger als mit der Übergangs-Tageskarte für 35,90 €. Und: nächstes Jahr wird die Bilanz noch mal anders aussehen, weil der Große nur noch bis zum 15. als Kind mitfahren darf. Wollen die Kinder mit Freunden ohne Eltern zum Düsselstrand oder zum Eisessen an den Rhein fahren, dürfen aber natürlich auch alle fünf Reisenden Kinder sein (das weiß leider nicht jeder Kontrolleur).

Ach ja, und genau jetzt gibt es für Ticket-2000-Neukunden eine Werbeaktion. Wenn ich die geneigten Leser werbe (geht natürlich nur in der Offline-Welt), nutzt uns das beiden.

Ein Stück Zeitgeschichte für 1,90

Hochverehrtes Publikum, immer um den 25. ist das Hochfest der Düsseldorfer Verkäufer der Obdachlosenzeitung fiftyfifty, denn dann erscheint die neue Ausgabe für den Folgemonat. Die Stammkunden, die schon drei Wochen lang abgewunken haben, wenn sie ihre Stammverkäuferin sahen, kommen dann wieder, und es gibt endlich wieder etwas Umsatz.

Heute sollten Sie aber einmal schauen, ob Sie nicht noch eine Februarausgabe ergattern können, es gibt immer Verkäufer, die erst alte Zeitungen abverkaufen müssen, ehe sie sich neue leisten können (denn die Verkäufer müssen ja in Vorkasse treten, wenn sie sie abholen). Das ist Ihre Chance, für 1,90 € können Sie ein Stück Zeitgeschichte erhalten: Die letzte Ausgabe mit dem Grußwort von Schirmherr Bruder Matthäus. Und halten Sie sich fest: Es geht um Schuld und Vergebung. Eine wahrhaft prophetische Ausgabe.

Für diejenigen, die jetzt eher „hä?“ sagen, muss ich kurz ausholen: Der Verein „Asphalt“ unter der Leitung von Hubert Ostendorf als Herausgeber der Obdachlosenzeitung und der Franziskanerorden mit Bruder Matthäus sind sich in jahrzehntelanger Zuneigung verbunden. Unter der Trägerschaft des Ordens entstanden Wohnprojekte für Obdachlose, für die auch „Asphalt“ Geld sammelte. Die beiden Menschen bezeichneten sich auch als Freunde. Dann krachte es: Die Armenbrüder, die auch noch Seniorenheime betreuen und demnach mit etlichen Immobilien wohl nicht ganz so arm sind, hatten ihre Baurücklage in Millionenhöhe spekulativ angelegt – und diese ist weg. Die Presse berichtete, die armen Brüder wanden sich, mögen sich aber bis heute nicht recht zu Konsequenzen durchringen. „Wir wurden schlecht beraten und hatten einfach Pech, da kann man nichts machen“ klingt dürr angesichts von 7,2 Millionen, die jetzt woanders sind. Die Obdachlosen mit ihrer Zeitung vor dem Supermarkt mussten es ausbaden – weil die Menschen immer gut im Diskriminieren, aber schlecht im Differenzieren sind, wurden sie mit ihrem Schirmherrn mitgefangen und mitgehangen und als „Spekulanten“ verspottet. In einem Versuch, hier Klarheit zu schaffen, wandte Ostendorf sich an die Öffentlichkeit und erklärte, die Zusammenarbeit ruhen zu lassen, bis die Mönche das verlorene Vertrauen wieder aufarbeiten könnten. Damit aber war das Tischtuch zerschnitten, der Orden kündigte das Projekt komplett, auf Anweisung von ganz oben, wie Ostendorf munkelt. Das Geld hat ein weiteres Mal über die Freundschaft obsiegt.

Diese Entwicklung ist traurig. Klar, da fehlt jetzt eine Riesenmenge Geld, das kann man nicht einfach abtun, aber anders als bei vielen Fällen, die wir jeden Tag der Zeitung entnehmen, hat sich ja niemand willentlich bereichert, man war einfach nur dumm und, ja, gierig, eine Schuld, die man mit vielen teilt, Einzelpersonen, Organisationen, Kommunen. „Als Christ glaube ich, dass es bei Gott Vergebung gibt“, schloss Bruder Matthäus sein letztes Editorial. Dieser Vergebung gewiss, hätten sich auch die beteiligten Menschen anders verhalten sollen. Ich glaubte zunächst, dass Hubert Ostendorf vorschnell den ersten Stein warf, denn den schmalen Grat zwischen „Zusammenarbeit aussetzen“ und „aufkündigen“ vermochte ich nicht recht zu sehen. Wer sich dann aber wirklich ohne weiteres klärendes Gespräch abwandte, das waren anscheinend die Ordensbrüder, möglicherweise getrieben von einem Aussitzreflex auf seiten des Geschäftsführers, der eines Politikers, nicht eines Gottesmannes würdig wäre.

Wenn Sie eine fiftyfifty kaufen, tun Sie immer unmittelbar Gutes – der erste Euro landet direkt beim Verkäufer, der ihn am nötigsten hat. Mittelbar unterstützen Sie die Arbeit von „Asphalt“, die ihr Geld für anständige Projekte ausgeben und in ehrlicher Armut nix übrig behalten, was sie schlecht anlegen könnten. Und schließlich ist die Transaktion kein Gnadenakt, Sie erhalten auch Lesenswertes. Ob es die Vor-Ort-Reportagen von Hubert Ostendorf aus Rumänien sind, die Glossen und Rezensionen von Dr. Olaf Cless, Artikel über das Leben auf der Straße, mal von namhaften Persönlichkeiten, mal von den Obdachlosen selbst: Sie können sich aus erster Hand ein Bild machen und lernen Ihre Stadt von einer ganz anderen Seite kennen. Und schon morgen können Sie dann die Märzausgabe kaufen, vermutlich eingeleitet von Hubert Ostendorf.

Geisterzüge

Vor dem Woyton am Jan-Wellem-Platz, direkt am Bahnsteig der 701, liebe Rheinbahn, steht ein Espresso tall, 2,40€ , und wird kalt. Wie kam es dazu? Nun, die Antwort ist einfach: Fahrgastinformationstafeln. Auf diesen schicken Leuchtdingern können wir nachlesen, in wie vielen Minuten die nächste Straßenbahn ankommen wird, abgeglichen in Echtzeit. Sehr komfortabel, und sehr vertrauenerweckend. Niemand schaut mehr auf den Fahrplan, wann denn die nächste Bahn kommen sollte, wenn er doch deutlich sieht, wann sie kommen wird.

Wenn also dort steht: „701 Rath S 17min N“, dann weiß der geneigte Fahrgast zwar, dass die 701 am Tage zehnminütig fahren sollte, aber er zweifelt nicht an, dass sie erst in einer guten Viertelstunde kommen wird. Es wird eine Störung gegeben haben, und der Fatalist bestellt sich einen Kaffee. Worauf prompt eine 701 eingerollt kommt, ohne sich um die Anzeige zu scheren, die jetzt bei „11min“ steht.

Leider kein Einzelfall, bis auf die Ausnahme mit dem Kaffee: Es gibt anscheinend bei der Rheinbahn Geisterzüge, die auf den Fahrgastinformationstafeln nicht auftauchen. Nicht nur Einsatzwagen oder wg. Baumaßnahmen umgeleitete Züge anderer Linien, sondern ganz reguläre, fahrplanmäßig verkehrende Züge, bei denen, das ist jedenfalls meine Theorie, wohl der Transponder kaputt ist, mit dem sie der Leitstelle ihre Position melden, und die dann auch nicht vermisst werden, sondern einfach nicht da sind.

Schön, wenn sie dann trotzdem kommen, aber schöner wäre es, man könnte sich auf die Anzeige verlassen.

Das Dorf vor dem ESC

Als geborener und gebürtiger Hamburger lese ich den SPIEGEL seit bald 20 Jahren. Seit fast einem Jahrzehnt lebe ich aber in einer Stadt am Rhein, die für jeden billigen Spaß mit ihrem Beinamen „-dorf“ herhalten muß. Und einen billigen Spaß hat sich auch der SPIEGEL in seiner aktuellen Ausgabe mit Düsseldorf, dem Austragungsort des ESC, gemacht.

Streithähne wie hier in der Düsseldorfer Altstadt müssen nicht sein

Vielleicht sind die Hamburger neidisch, weil sie den zweifelhaften Ruhm nicht teilen, zu den 50 teuersten Städten re Wohnraumpreise zu gehören, vielleicht auch schlechte Verlierer, weil sie sich ja auch um die Austragung des ESC beworben hatten und es bei Austragungsorten nun einmal keine Silbermedaillen gibt. Sicher ist aus hanseatisch-unterkühlter Sicht der laut zur Schau getragene Reichtum der Kö ein mindestens so großer Graus wie der laut zur Schau getragene Humor des Karnevals. Der Hamburger schätzt sein hanseatisches Understatement, möchte aber bitteschön auch bei dessen Ausübung bemerkt werden. Und vermutlich kommt die Stadt der ehrbaren Kaufleute schlecht mit einer Stadt klar, die kaufmännisch erfolgreich geführt wird. So oder so, der SPIEGEL wirkt beleidigt.

Die Stadt am Rhein ist keine Millionenstadt, aber über Wortspiele mit dem Namen „Dorf“ wahrlich erhaben. Weltstadt geht auch mit Umlaut. Sie hat sich im Vorfeld des ESC manchen Patzer erlaubt – angeführt vom hochnotpeinlichen „Wielcome“ – und wird noch auf Jahre hinaus eine Großbaustelle sein, die eigentlich gar nicht präsentabel ist, voraussichtlich bis meine Kinder konfirmiert werden. Aber soll sie deswegen jedwede Aktivität einstellen? Sie hat sich etwas vorgenommen, und sie wird das stemmen. Und zwar mit bewährter rheinischer Lebensart (von der sich „das Hoch im Norden“ wirklich etwas abschneiden könnte) und insgesamt recht professionell.

Sie wird auch fertig mit Artikeln, die OB Elbers mit Rainer Brüderle vergleichen (ich bin Sozialdemokrat und habe den Mann nicht gewählt, aber das hat er wirklich nicht verdient), oder den Wegzug von ThyssenKrupp als Zeichen wirtschaftlichen Niedergangs lesen (der Konzern brachte „so viel Gewerbesteuer wie eine Pommesbude“, schimpfte der damalige OB, und sein Abgang markierte eigentlich nur das Ende eines Prozesses weg von der alten Stahlindustriestadt, der längst vollzogen ist), die schale Witze über die Erbfeindschaft mit Köln oder das Altbier machen (muß ich jetzt wirklich auf die Haßliebe zwischen den Hansestädten Hamburg und Bremen eingehen?).

Wirklich, mein Hamburg, mein SPIEGEL, das hast du doch nicht nötig.

Karstadt wird Labor-Kaufhaus

Unsere Zeitung berichtet, daß Karstadt Pläne hat, die Filiale an der Schadowstraße als Testgebiet für Pilotprojekte zu nutzen. Während der Konzern, der ja gerade erst der Pleite entsprungen cist und dessen Ruder dringend herumgerissen werden müßte, zunächst noch nix zugeben will, will die Zeitung schon Details wissen: statt Küchenutensilien auf Regalen auszulegen, wolle man sie in einer richtigen Küche mit einem richtigen Koch in Praxis vorführen, lautet ein Beispiel. Man kann dann sowohl Topf und Messer kaufen als auch das Essen, das der Showkoch zubereitet hat. Im Spiel- und Sporthaus wird dem Fußball mehr Platz eingeräumt (das wird sicher nicht zu Lasten der Golfabteilung gehen. Ich rate mal, noch weniger Fahrradzubehör demnächst?), und dies zusammen mit der Fortuna präsentiert.

Ich habe auch eine Vision für das Kaufhaus der Zukunft, sie ist aber radikaler als „Erlebniswelten“ (haben wir die nicht seit den 90ern?): Das Kaufhaus der Zukunft muß sich davon lösen, vorrangig Produkte verkaufen zu wollen, es entwickelt sich zum Schauhaus.

Denn so benutzen wir heute schon das Kaufhaus: Wir informieren uns über einen Artikel, können ihn anschauen, in die Hand nehmen, mehrere Hersteller miteinander vergleichen – und fahren dann nach Hause, lesen die Hintergrundinformationen, Tests usw. im Internet nach, vergleichen da die Preise, und kaufen letztlich oft auch da. Bietet mir das Kaufhaus der Zukunft diese Beratungsleistung (und zwar besser als heute, besser als indem der Verkäufer selbst nur von der Packung abliest, was dies und jenes Gerät kann) und Präsentationsleistung, und akzeptiert, daß ich anderswo kaufe, wäre ich bereit, für diese Beratungsleistung sogar Geld zu bezahlen. Oder ich kaufe doch im Kaufhaus, oder durch dessen Vermittlung bei Amazon, z. B. an einem Terminal gleich im Laden, dann wird der Beratungspreis verrechnet.

Wir in Rath: Wir sind Nikolaus

Die alte „Leistungsgemeinschaft Rath“ der Einzelhändler ist wohl schon ein Vierteljahrhundert alt, und außer ein paar Aufklebern an alteingesessenen Geschäften haben wir Rather nicht mehr so viel von ihr bemerkt. Als „Wir in Rath“ versuchen sich die Kaufleute jetzt an einem Neustart, der in diesem Jahr schon einiges bewegt hat, ein Sommerfest, und jetzt einen Nikolausmarkt.

Mit Glühweinstand, Reibekuchen, dem Heiligen Mann selbst, Märchenengel und Riesenweckmann präsentierten sich die Geschäftsleute. Sie wollen uns, den Kunden, für unsere Treue danken, und lenken ganz nebenbei unsere Aufmerksamkeit auf die Tatsache, daß es auch attraktive Geschäfte in den weniger besuchten Seitenstraßen gibt.

Gut ankommen tut natürlich die frohe Botschaft, daß die Angebote tatsächlich fast vollständig kostenlos sind, aber auch, daß man den Apotheker, den Blumenhändler, den Banksachbearbeiter und die Friseurin, die Gesichter der Straße also, persönlich an den kleinen Ständen sieht.

„Wer bist du denn?“ Daß St. Nikolaus sich in Rath traditionell als heiliger Mann im Ornat des Bischofs präsentiert, löst bei einigen Kindern, die nur Schokofiguren kennen, gewisse Unsicherheit aus. Wenn der stadtbekannte Karnevalist dann aber eben einen solchen Schokomann aus seinem Sack holt, leuchten die Kinderaugen und alles ist wieder gut.

Das Wetter, klirrende Kälte mit Sonnenschein, machte die Sache „rund“ und so paßte alles am kleinen, aber netten Hülsmeyerplatz.

Und wer weiß, nicht gerade am Nikolaus, aber vielleicht zu einem anderen Anlaß kommen womöglich die nicht weniger umtriebigen ausländischen Unternehmer auch noch mit ins Rund. Warum sollen wir nicht zusammen auf dem Hülsmeyerplatz auch einmal das Zuckerfest feiern? Es würde doch zu Rath passen!

Neulich auf der 12

Die Straßenbahn 712 fährt jetzt, wie schon berichtet, ja in Doppeltraktion mit den ganz neuen Wagen. Neulich stieg ich in den hinteren Wagen ein, er war ganz leer. Nur eine alte Dame kam mir ganz aufgelöst direkt an der Tür entgegen: „Endlich kommt jemand! Ich bin hier ganz allein! Hier ist gar kein Fahrer drin!“ Sie blickte auf die hintere Kabine, und war ganz erleichtert, als ich sie darauf aufmerksam machte, daß dies doch hinten sei. „Ja, aber ich dachte, wenn doch hier die Fahrerkabine ist“ – die normalen Straßenbahnwagen haben hinten keine Fahrerkabine – „dann muß der Fahrer wohl rückwärts fahren…“

712 rollt wieder

Pünktlich und wie versprochen fährt seit heute die 712 wieder auf eigener Schiene Richtung Ratingen, wohl zunächst bis Hubertushain, wo der zwote Bauabschnitt läuft. Wie oben zu sehen, fährt auch tatsächlich der neue U-Bahn-Wagen in Doppeltraktion (nur der kann ohne Wendeschleife am Hubertushain umkehren), genau dafür hatte man ja die Bahnsteige ins Unermeßliche verlängert.

Man hatte dann gleich noch die gesamte Oberleitung und handgestoppte 97% der Schienen erneuert – warum man ein etwa 500m kurzes Stück in einer Richtung bestehen ließ („die waren doch noch gut!“), bleibt dem Laien unergründlich. Ansonsten hatte der Laie (und sein vierjähriger Sohn) viel Baustelle zu gucken in den letzten Wochen, spannende Maschinen wie z. B. eine per Lasernivellier automatisch höhengesteuerte Planierraupe, und gestern eine Testfahrt mit einer Straßenbahn, aus deren offenen Türen nach James-Bond-Manier Bauingenieure in ihren leuchtenden Warnjacken hingen.

Noch immer nicht glücklich dürften die Autofahrer sein, denn es liegt noch viel Gerät und die eine oder andere Schiene längs der Baustrecke, an zweispurigen Autoverkehr ist noch nicht zu denken. Und einige Stationen der Straßenbahn sind nicht fertig gepflastert und haben noch keine Haltestellenhäuschen; für ältere Mitmenschen wird das Fahren noch nicht lustig (aber das waren die Ersatzverkehre für sie auch nicht).

Es ist nur eine kleine Strophe des Lieds, das wir im Moment singen: „…wir haben in Düsseldorf // die längste Baustelle der Welt!“ Und das fast ganz ohne Proteste und Demonstrationen.

Wohlfahrt, ein knappes Gut, und fiftyfifty

Offener Brief an Bruder Matthäus und Hubert Ostendorf, Macher der Düsseldorfer Obdachlosenzeitung fiftyfifty:

Seit ich in Düsseldorf lebe, unterstütze ich die Arbeit von fiftyfifty, im Kleinen, indem ich die Zeitung regelmäßig kaufe. Das ist mir eine Ehrensache, ich habe früher in Hamburg mit Hinzt & Kunzt genau das gleiche gemacht. Sie zu kaufen, ist ein kleiner Beitrag zur Wohlfahrt, sie zu lesen ist informativ – man gewinnt Eindrücke in das Leben von Menschen am Rand der Gesellschaft, ihre Probleme, aber auch ihre Motive, die sie dort hingebracht haben – und auch unterhaltsam, denn das Blatt ist ehrlich gut gemacht.

Immer schon hat die Obdachlosenhilfe von fiftyfifty sich für die Ärmsten der Armen eingesetzt. Auch jetzt ist sie an vorderster Front dabei, wo sich eine neue Wunde öffnet: die Not rumänischer Roma und Sinti, EU-Bürger der neuesten Stunde, die jetzt an unsere Tür klopfen, und von allen Seiten harsch zurückgewiesen werden. Ich kenne Rumänien seit einem Besuch 1996 durch ein Studentenprojekt – es ist sicher keine Erfindung, daß die Not in diesem Land so groß ist, daß es den Armen dort noch besser erscheint, bei uns beschimpft und herumgeschubst zu werden als als in ihrer Heimat genau gar nichts zu haben („ich kenne die amerikanischen Gefängnisse, sie sind wie russische Hotels“ sagte Arnie Schwarzenegger 1988 in „Red Heat“ – aber das war eine Komödie, dies ist das wahre Leben).

Es ist auch sicher keine Erfindung, daß die Rumänen es hier bei uns ohne Arbeitserlaubnis und Krankenversicherungsschutz bemitleidenswert schlecht haben. Mehr noch, es ist sogar politisch gewollt, denn ein Anreiz, hierherzukommen, sollte im Zuge der EU-Erweiterung gerade eben nicht geschaffen werden.

Und deshalb ist der Ansatz von fiftyfifty hier problematisch: humanitär und aus Glaubenssicht („was du getan hast am Geringsten unter ihnen, das hast du an mir getan“) verständlich, unterläuft er doch diese eben gewollte Begrenzung, und stellt uns einfache Düsseldorfer Zeitungskäufer vor eine Belastung: Denn Wohlfahrt ist eben, das habe ich in der Volkswirtschaft gelernt, auch ein knappes Gut, das den gleichen Gesetzen von Angebot und Nachfrage unterliegt, und das jetzt auf mehr Köpfe aufgeteilt werden muß. Für jede Zeitung, die ich bei einem rumänischen Verkäufer kaufe, geht mein Stammverkäufer leer aus. Deswegen ist es umso beeindruckender, daß gerade die einheimischen Obdachlosen sich mit dieser Teilung einverstanden erklären und uns Reicheren damit gelebte Solidarität vormachen. Doch können am Ende wir, die Käufer und Verkäufer einer kleinen regionalen Zeitung, die Armut eines Landes am anderen Ende der EU auffangen und lindern? Was für ein Zeichen setzen wir, wenn wir es tun? Und: was für ein Zeichen setzen wir, wenn wir es nicht tun?

Zeitungskaufen ist nicht eben leichter geworden.

Frust am Samstagabend mit Microsoft Produktaktivierung

Ich hatte der Gruppe 2 des Kindergartens einen gebrauchten PC spendiert, damit die Schulanfänger da auch mal Spiele machen können. Also zu Hause Rechner aufgesetzt, XP-Lizenzaufkleber bei eBay beschafft, alles klar gemacht, hingefahren und aufgestellt.

Einen Tag später, gestern, sagt der Rechenknecht, ich hätte ja allerlei Hardware verändert (nö), und ich müßte Windows noch mal neu aktivieren, drei Tage hätte ich dafür.

Ich radle also heute abend in die Kita, setze mich an die neue Box. Leider reicht das WLAN vom Mitarbeiterraum nicht bis zur Gruppe 2, und schnurlose Telefone haben sie da auch nicht, also ist telefonische Aktivierung vom Handy angesagt. Die kostenlose 0800er Nummer kann man vom Handy nicht benutzen, kriegt stattdessen eine Nummer in Frankfurt – immerhin keine „Mehrwertdienste“-Nummer, das ist wohl noch als gnädig zu verstehen.

Der Prozeß ist bekannt, er dauert ca. 5 Minuten, also 75 Cent, das ist eigentlich keinen Aufreger wert. Man darf über die Frickeltastatur einen Code aus ca. 9 sechsstelligen Gruppen eingeben. Am Ende sagt der Automat, sorry, es hat nicht geklappt, er müsse mich jetzt noch mal mit einem Menschen verbinden. Der Akku piepst bereits bedrohlich. Es wird weiter gewartet, dann kommt sie, es scheint, als habe sie extra in Rumänien (wo sie, laut Jürgen Rüttgers, ja bekanntlich nicht wissen, was sie tun) für den Job in einem outgesourcten Callcenter deutsch gelernt, um ihren Auftritt zu absolvieren: „WillkommenbeiMicrosoft-meinNameist[Schluck, würg, es klingt wie Natalia Dagestanova, Callcentermitarbeiterinnen sind ja darin trainiert, ihren Namen unaussprechlich auszusprechen]-estutmirleiddaßSiewartenmußten-wirbedauerndieUnannehmlichkeit-aberwegeneinesSoftwarefehlerskönnenwirheutekeineAktivierungendurchführen-bitterufenSiemorgennocheinmalan-vielenDank-aufWiederhören“ Klick, tüttüttüt. Und ich schwöre, es war kein Band, die arme Frau hat das wirklich live gesagt. Wahrscheinlich hatten sie wirklich keine Funktion, eine Ansage für einen solchen Pannenfall zu automatisieren – es hätte ja auch jeder vernünftige Mensch eine solche automatische Ansage an den Anfang des Aktivierungsprozesses gelegt, nicht ans Ende…

Morgen ist der letzte Tag des Aktivierungszeitfensters, aber ob ich wirklich Lust habe, mein Ehrenamt zweimal an einem Wochenende auszuüben, weiß ich noch nicht sicher. Um nicht ganz vergebens aufgelaufen zu sein, habe ich dann noch die 2 Vista-PCs der Kita auf den aktuellen Stand (IE8 und SP2) gebracht, dauerte nur ca. anderthalb Stunden.

Ich hätte ja Ubuntu genommen… aber die wollen ja nur so Kinderspiel-CDs laufen lassen, die gehen natürlich alle nur unter Windows.