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Zwar nicht schon immer, aber derzeit meine Stadt

Brombeeren und Sozialkompetenz

Donnerstags lernt Lisa im Lehrschwimmbecken der Janusz-Korczak-Schule schwimmen, und Papi drückt sich eine Dreiviertelstunde herum. In der Halle hält man es angezogen nur ein paar Minuten aus, es ist drückend schwülwarm. Auf dem Hof ist nicht so viel zu sehen, aber ein etwas kultiviertes Brombeergebüsch. Es hängt voller Brombeeren, wie im Schlaraffenland, und es sind Gänge hineingeschlagen, wohl vom Hausmeister, so daß man sich Brombeeren hineinschieben kann, ohne allzu sehr gegen Dornen kämpfen zu müssen, und zwar in jeder Höhe, egal ob man ein Kind wäre oder ein Erwachsener.

Und nun fallen mir zwei Beobachtungen zusammen, und ich frage mich nach der Konklusion:

  1. Diese Schule ist eine Sonderschule (Barbara meint, wenn eine Schule in Deutschland ein Lehrschwimmbecken hätte, wüßte man schon gleich, daß es eine Sonderschule sei). Sie wird also von Kindern besucht, die auf die eine oder andere Weise vom Pisa-Standard abweichen. Glaubt man einiger jüngerer Berichterstattung, z. B. im Spiegel, sind diese Sonderschüler in Deutschland chancenlos, jemals wieder auf den normalen Weg zurückzufinden, abgestempelt vom ersten Tag an. Dabei sei es egal, ob sie eine Behinderung haben oder eine Lernschwäche, oder einfach nur nicht in ein Normraster passen.
  2. Diese Schule ist wie jede Schule voller Kinder, in NRW sind die Schulferien vorbei, aber das Brombeergebüsch wird nicht abgeerntet. Es hängt jeden Donnerstag voll reifer Beeren, süß und fruchtig, und wie gesagt fast ohne brombeertypische Risiken zu erreichen.

Sind also Kinder heutzutage an Brombeeren nicht mehr interessiert? Sind Brombeeren uninteressant, weil Fruchtzwerge, Milchschnitten und Cola interessantere Geschmackserlebnisse darstellen, oder weil Kinder nicht mehr gelernt haben, daß die Natur selbst Produkte bereithält? Oder aber: sind es gerade die Sonderschüler, auf die dies zutrifft? Ist es womöglich genau dieses im Elternhaus nicht mehr Gelebte – die Brombeeren nur stellvertretend für vieles -, das manche Kinder auf einen Ast schiebt, der unter anderem auf der Sonderschule endet? Sind die Brombeeren Wirkung, oder sind sie Ursache? Ich stehe mit vollem Bauch und dunkelroten Fingern und bin ratlos.

Bongbongbong

Acht Monate nach dem schrecklichen Unfall an der Straßenbahnhaltestelle Rather Broich sind die dortigen Ertüchtigungsmaßnahmen jetzt abgeschlossen.

Wir erinnern uns: ein 14jähriger geriet bei dem Versuch, die am gegenüberliegenden Gleis abfahrende Straßenbahn noch zu kriegen, unter die in Gegenrichtung gerade ausfahrende. Obwohl kein Anhalt für ein Verschulden der Rheinbahn gefunden wurde, ergab eine Besichtigung der Haltestelle Verbesserungsbedarf – vermutlich nicht zuletzt aufgrund des erheblichen Medienechos und der monatelang anhaltenden Trauer-Dekoration der Haltestelle.

Mysteriöserweise hat man dann vor allem die Ampel über den Rather Broich komplett umgebaut, um die tatsächlich sehr beengte Situation auf dem kleinen Gehwegdreieck zu entschärfen, obwohl der Schüler gar nicht über die Straße gekommen war. Den Überweg über die Gleise hat man dann nicht verändert – dafür hätte man den Bahnsteig verlängern müssen, Raum genug wäre dafür gewesen. Man stattete ihn stattdessen mit roten Piktogrammen auf dem Boden aus (die einen laufenden Jungen, der die Ecke genau kennt, sicher nicht gebremst hätten), und ergänzte die „Dackelampel“ um einen Blindengong.

Der ist dezent und nicht richtig laut, aber wir wohnen eben nur ca. 100-200 m von der Haltestelle entfernt, und hören ihn jetzt im Zehn-Minuten-Takt. Bongbongbong. Hmph. Aber nun gut, es gilt das Gutmenschentotschlagargument: wenn es auch nur einen Menschen wirklich rettet, wer könnte da schon dagegen sein?

Stoffliches

Stoffe

Die Düsseldorfer Stoffapotheke ist bekanntlich bei Karstadt, hat aber auch nicht immer alles bereit. Wenn eine Fünfjährige Himmelbettvorhänge und ein Dreijähriger Gardinen mit Automotiven wollen, und wenn dann ein Rennwagenstoff 18 €/m bei 1m Breite kostet, so daß der Vorhang 150 € gekostet hätte, hört der Spaß auf, selbst wenn der Nonno ihn spendieren will. Zumal ein Dreijähriger, bitte nicht böse sein, sowieso immer genau den Stoff am Schönsten findet, den er gerade jetzt sieht.

Da hatte die Frau Chikatze den richtigen Tip per SMS: der Stoffladen gegenüber Kaufhof hatte das Gesuchte. Danke für den Tip! Und Danke an die nähende Nonna, die gerade Vorhänge macht!

Bloggertreffen mit der Chikatze im Beethoven

Einmal im Jahr trommelt die Frau Chikatze zum Bloggertreffen. Das verspricht Arbeitsbeschaffung für mein chronisch unterfordertes Poken, sowie generell die Möglichkeit, virtuell nette Menschen Im Richtigen Leben zu treffen.

Als der Abend im Flingeraner Beethoven näherrückte, zeichnete sich eine Terminkollision ab: Die Schwiegereltern waren zu Besuch, und die Holde wollte gern einmal wieder unter Babysitterbedeckung ausgehen. Der Verlauf des Abends sah etwas anderes vor: Ein Unwetter, es wurde immer später, der Ausgang vertagt. Als die Holde auch noch einschlief, entschied ich mich, doch noch loszuziehen.

Das lohnte. Ich traf nette Menschen, entdeckte eine gemeinsame Vergangenheit mit @rajue, die bis ins Usenet (oder noch davor, wie er sagt) zurückreicht: Douglas-Adams-Fandom. (Meins geht zurück bis auf eine Kurzgeschichte im Englischunterricht von Dr. Dr. Christian Th., ich fand heraus, daß die Cookie-Story schon 1976 passierte und DNA seitdem mehrmals darüber berichtet hatte! Seins: „Hör mal, ich war Jahre lang der local group organizer for Germany des britischen Douglas Adams’ Fanclub ZZ9 Plural Z Alpha. Ich kann den vierten Teil der fünfbändigen Trilogie rückwärts beten!“)

Für mich löste sich die Heimeligkeit etwas auf, als wir zur Nachtruhe in die Innenräume getrieben wurden, obwohl man mir danach immerhin noch einen schönen Vorspeisenteller servierte. Ich nahm meinen Abschied, andere, so hörte ich seitdem, harrten bis zur Morgenröte aus…

Leverkusener Neuland-Park, Gewitter, IKEA und die Feuerwehr

Der heutige Ausflug des Familienkreises unserer Kirchengemeinde wurde eher unfreiwillig zu einem Experiment, was man alles in einen Tag mit Kindern hineinpacken kann. Und das ist schon einiges.

Als eher harmloser Ausflug in den Neuland-Park in Leverkusen war es geplant, dieses ehemalige Gartenschau-Gelände kennen wir, das sollte mit kleinen Kindern und einem Picknickrucksack ein ruhiger Selbstgänger sein, gut, denn von Papis #tfruhr2 am Donnerstag in Essen und Mamis Firmensommerfest mit Kind und Kegel am Freitag in der Ratinger Auermühle waren die Akkus schon mal nicht mehr sooo aufgeladen. Das war auch so.

Kinder mit Spaß, Gewitter im Anmarsch
Kinder mit Spaß, Gewitter im Anmarsch

Alles lief recht gut, bis ein (vorherhgesagtes) Gewitter tatsächlich eintrat, worauf des Pfarrers Sohn Polyphobie kriegte (und Pfarrers dann sowieso noch woanders hinwollten) und wir anderen uns in ein Café zurückzogen, die paar Tropfen abwetterten und danach fortfuhren, Spaß zu haben. Als wir uns dann am frühen Abend trennten, hatten die S6-Heimfahrer die Idee, noch beim Schweden vorbeizuschauen, die Kinder noch mal im Småland toben zu lassen und Kötbullar einzuwerfen.

Das gelang wiederum recht planmäßig, Barbara fand auch noch ihre ersehnte Dalarnapferdbackform, doch als es nunmehr endgültig nach Hause gehen sollte, es ging auch auf schwedischen Feierabend zu, griff der jüngste Zwerg beim Aufbruch im Restaurant noch in eine Glasscherbe. Das war immer noch nur eine kleine Havarie, eine freundliche Mitarbeiterin hatte schnell ein Pflaster zur Hand.

Feuerwehr in Schweden
Feuerwehr in Schweden

Wir wissen nicht genau, was dann geschah, jedenfalls gingen eine Minute später überall im Haus die Brandschutztüren zu und kleine Blitzlichter an, und als wir aus dem Gebäude kamen, rollte der erste Zug der Feuerwehr in das augenscheinlich nicht brennende Möbelhaus ein. Wie der Wilde bei der Sonnenfinsternis, fragten wir uns erschreckt: Waren wir das? Hat die Mitarbeiterin beim routinemäßigen Melden in der Hektik des Feierabends das Kennwort für „Kunde verletzt, Ersthelfer rufen“ mit dem für „Möbelhaus brennt, dies ist keine Übung“ verwechselt? Jedenfalls schlichen wir uns rasch und leise davon…

Pandemie und Japantag – zwischen Paranoia und Selbstschutz

Am Wochenende wird in Düsseldorf der Japantag stattfinden, ein schönes Fest, das unsere Mitbürger der japanischen Gemeinde für uns ausrichten. Inzwischen ist in der japanischen Schule die Zahl der gemeldeten Fälle von Schweinegrippe während zwei Tagen auf 46 angestiegen. Damit sind 60 der deutschlandweit gemeldeten 100 Fälle in Düsseldorf angesiedelt. Die Weltgesundheitsorganisation hat aufgrund des Virus die höchste Gefahrenstufe, die einer weltweiten Pandemie, ausgerufen – zum ersten Mal seit 41 Jahren, genau so alt wie die Hongkong-Grippe von 1968 bin auch ich.

Ursächlich für diese Heraufstufung waren allerdings nicht die Vorfälle in Düsseldorf, sondern die Verbreitung in Australien, gerade am entgegengesetzten Ende der Welt. Und alle in Deutschland aufgetretenen Fälle verlaufen bislang unproblematisch, es gab hier keine Todesfälle – der Präsident des Robert-Koch-Instituts stimmte uns aber schon einmal darauf ein, daß das nicht so bleiben werde.

Gestern haben wir Freunde aus Berlin am Düsseldorfer Flughafen empfangen. Am Flughafen war alles wie immer, wir haben bei einem Bäcker etwas gegessen, sind Skytrain gefahren, Fahrstuhl gefahren, haben die Toiletten benutzt. Morgen planen wir auf den Japantag zu gehen. Da kommt man schon ins Nachdenken. Genau jetzt finden wir uns an der Entscheidungsschwelle: Normal leben, Flagge zeigen für unsere japanischen Nachbarn, oder sich eher aus dem öffentlichen Leben zurückziehen, in eine Mischung aus Paranoia und Selbstschutz verfallen, das gilt es abzuwägen. „Nicht in Panik, aber besorgt“ ist die Äußerung von Gesundheitsministerin Schmidt.

Wir sind in einer Verantwortung für kleine Kinder, aber genau die sind auch unsere stärksten Schnittstellen nach außen: Gingen wir nicht mehr in die Innenstadt, müßten wir sie eigentlich auch vorübergehend aus dem Kindergarten nehmen, denn da kommen sie jeden Tag mit 60 anderen Kindern in engsten Kontakt. Das würde wirklich unseren gesamten Alltag umkrempeln, wie es natürlich auch spätestens ein Erkrankungsfall würde – häusliche Quarantäne mit zwei Würmern bedeutet, daß uns massiv die Decke auf den Kopf fallen würde. Aber massiver Selbstschutz bedeutet letztlich auch häusliche Quarantäne, im Grunde muß man sich also nur überlegen, ob man die Lästigkeiten mit gewisser, geringer Wahrscheinlichkeit oder mit selbstgewählter Sicherheit hinnehmen will.

Und so werden wir die Entscheidung, ob wir morgen zum Japantag gehen, morgen am Ende von der selben Frage abhängig machen wie jedes Jahr – wie ist denn das Wetter?

Nachbarschaft, wie ich sie mag :-/

Heute morgen habe ich mir zusammen mit meiner Mutter den Vorgarten vorgenommen. OK, ich gebe sofort zu, es war höchste Zeit. Aber noch vor zwei Wochen konnte man draußen nicht viel tun, weil das Wetter schlecht war, und letzte Woche war ich im Garten.

Diesmal waren es nicht die Nachbarn aus dem 1. Stock, die eine freundliche Bemerkung für mich übrig hatten, sondern ein vorbeigehender Knackerdistinguierter älterer Herr, der meinen Guten-Morgen-Gruß beantwortete mit „das wurde auch höchste Zeit. Die alte Frau M. hätte es nicht so weit kommen lassen. Aber die jungen Leute von heute interessiert das ja nicht.“

Ich freue mich ja wirklich, wenn die halbe Straße Anteil an meiner Gartenpflege hat und auch eine Meinung dazu zum Besten gibt. Aber daß man mich ins Gesicht in der dritten Person anspricht (denn „die jungen Leute“ war nicht etwa über mich zu meiner Mutter gesagt), schätze ich nun gar nicht.

Die weißen Vans rollen wieder

Sie scheinen aus amerikanischen Agententhrillern zu kommen: alle zwei bis drei Wochen fahren wieder unmarkierte weiße Vans durch das Viertel, längs und quer und hin und her.

weißer Van

Anders als in amerikanischen Agententhrillern sind diese Vans allerdings ziemlich abgenudelt, und haben Landeskennzeichen, die überwiegend, wenn auch nicht alle, aus kürzlich neu hinzugekommenen EU-Ländern stammen, kurz gesagt – es ist Sperrmüll. Es sind unsere östlichen Nachbarn, die für uns die Sekundärrohstofftrennung durchführen und der Awista damit viel Arbeit abnehmen, auch wenn diese das eher nicht schätzen dürfte.

Schon in meiner Kindheit fand ich es spannend, Sperrmüll zu durchwühlen, und es ist für mich keine Frage der eigenen Vermögensverhältnisse, den Kopf darüber zu schütteln, was andere so wegwerfen. Für die Fahrer der weißen Vans vermutlich schon. Ich stelle mir vor, wie sie, Nomaden gleich, dem Sperrmüll nachziehen und, wenn der Wagen voll ist, den weiten Weg zurück in die Heimat antreten, oder einfach zum nächsten Schrotthändler (Altmetall ist ja zuletzt wieder gewaltig im Wert gefallen…).

5 Millionen

5 Millionen und 1

Fümpf Millionen violette Krokusse sollen in Düsseldorf erblühen, so hat es unser Gartenamt sich erträumt, und Düsseldorfer durften die Zwiebeln eigenhändig einbuddeln. Inzwischen hat unsere Zeitung schon etwas zurückgerudert, ja, der kalte Winter, und ein Krokusexperte ließ sich zitieren, ja, im ersten Jahr, da kämen sowieso nicht alle – aber immerhin. Heute im Hofgarten war die erste Rate angezahlt.

5 Millionen