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Ein Stück Zeitgeschichte für 1,90

Hochverehrtes Publikum, immer um den 25. ist das Hochfest der Düsseldorfer Verkäufer der Obdachlosenzeitung fiftyfifty, denn dann erscheint die neue Ausgabe für den Folgemonat. Die Stammkunden, die schon drei Wochen lang abgewunken haben, wenn sie ihre Stammverkäuferin sahen, kommen dann wieder, und es gibt endlich wieder etwas Umsatz.

Heute sollten Sie aber einmal schauen, ob Sie nicht noch eine Februarausgabe ergattern können, es gibt immer Verkäufer, die erst alte Zeitungen abverkaufen müssen, ehe sie sich neue leisten können (denn die Verkäufer müssen ja in Vorkasse treten, wenn sie sie abholen). Das ist Ihre Chance, für 1,90 € können Sie ein Stück Zeitgeschichte erhalten: Die letzte Ausgabe mit dem Grußwort von Schirmherr Bruder Matthäus. Und halten Sie sich fest: Es geht um Schuld und Vergebung. Eine wahrhaft prophetische Ausgabe.

Für diejenigen, die jetzt eher „hä?“ sagen, muss ich kurz ausholen: Der Verein „Asphalt“ unter der Leitung von Hubert Ostendorf als Herausgeber der Obdachlosenzeitung und der Franziskanerorden mit Bruder Matthäus sind sich in jahrzehntelanger Zuneigung verbunden. Unter der Trägerschaft des Ordens entstanden Wohnprojekte für Obdachlose, für die auch „Asphalt“ Geld sammelte. Die beiden Menschen bezeichneten sich auch als Freunde. Dann krachte es: Die Armenbrüder, die auch noch Seniorenheime betreuen und demnach mit etlichen Immobilien wohl nicht ganz so arm sind, hatten ihre Baurücklage in Millionenhöhe spekulativ angelegt – und diese ist weg. Die Presse berichtete, die armen Brüder wanden sich, mögen sich aber bis heute nicht recht zu Konsequenzen durchringen. „Wir wurden schlecht beraten und hatten einfach Pech, da kann man nichts machen“ klingt dürr angesichts von 7,2 Millionen, die jetzt woanders sind. Die Obdachlosen mit ihrer Zeitung vor dem Supermarkt mussten es ausbaden – weil die Menschen immer gut im Diskriminieren, aber schlecht im Differenzieren sind, wurden sie mit ihrem Schirmherrn mitgefangen und mitgehangen und als „Spekulanten“ verspottet. In einem Versuch, hier Klarheit zu schaffen, wandte Ostendorf sich an die Öffentlichkeit und erklärte, die Zusammenarbeit ruhen zu lassen, bis die Mönche das verlorene Vertrauen wieder aufarbeiten könnten. Damit aber war das Tischtuch zerschnitten, der Orden kündigte das Projekt komplett, auf Anweisung von ganz oben, wie Ostendorf munkelt. Das Geld hat ein weiteres Mal über die Freundschaft obsiegt.

Diese Entwicklung ist traurig. Klar, da fehlt jetzt eine Riesenmenge Geld, das kann man nicht einfach abtun, aber anders als bei vielen Fällen, die wir jeden Tag der Zeitung entnehmen, hat sich ja niemand willentlich bereichert, man war einfach nur dumm und, ja, gierig, eine Schuld, die man mit vielen teilt, Einzelpersonen, Organisationen, Kommunen. „Als Christ glaube ich, dass es bei Gott Vergebung gibt“, schloss Bruder Matthäus sein letztes Editorial. Dieser Vergebung gewiss, hätten sich auch die beteiligten Menschen anders verhalten sollen. Ich glaubte zunächst, dass Hubert Ostendorf vorschnell den ersten Stein warf, denn den schmalen Grat zwischen „Zusammenarbeit aussetzen“ und „aufkündigen“ vermochte ich nicht recht zu sehen. Wer sich dann aber wirklich ohne weiteres klärendes Gespräch abwandte, das waren anscheinend die Ordensbrüder, möglicherweise getrieben von einem Aussitzreflex auf seiten des Geschäftsführers, der eines Politikers, nicht eines Gottesmannes würdig wäre.

Wenn Sie eine fiftyfifty kaufen, tun Sie immer unmittelbar Gutes – der erste Euro landet direkt beim Verkäufer, der ihn am nötigsten hat. Mittelbar unterstützen Sie die Arbeit von „Asphalt“, die ihr Geld für anständige Projekte ausgeben und in ehrlicher Armut nix übrig behalten, was sie schlecht anlegen könnten. Und schließlich ist die Transaktion kein Gnadenakt, Sie erhalten auch Lesenswertes. Ob es die Vor-Ort-Reportagen von Hubert Ostendorf aus Rumänien sind, die Glossen und Rezensionen von Dr. Olaf Cless, Artikel über das Leben auf der Straße, mal von namhaften Persönlichkeiten, mal von den Obdachlosen selbst: Sie können sich aus erster Hand ein Bild machen und lernen Ihre Stadt von einer ganz anderen Seite kennen. Und schon morgen können Sie dann die Märzausgabe kaufen, vermutlich eingeleitet von Hubert Ostendorf.

Wohlfahrt, ein knappes Gut, und fiftyfifty

Offener Brief an Bruder Matthäus und Hubert Ostendorf, Macher der Düsseldorfer Obdachlosenzeitung fiftyfifty:

Seit ich in Düsseldorf lebe, unterstütze ich die Arbeit von fiftyfifty, im Kleinen, indem ich die Zeitung regelmäßig kaufe. Das ist mir eine Ehrensache, ich habe früher in Hamburg mit Hinzt & Kunzt genau das gleiche gemacht. Sie zu kaufen, ist ein kleiner Beitrag zur Wohlfahrt, sie zu lesen ist informativ – man gewinnt Eindrücke in das Leben von Menschen am Rand der Gesellschaft, ihre Probleme, aber auch ihre Motive, die sie dort hingebracht haben – und auch unterhaltsam, denn das Blatt ist ehrlich gut gemacht.

Immer schon hat die Obdachlosenhilfe von fiftyfifty sich für die Ärmsten der Armen eingesetzt. Auch jetzt ist sie an vorderster Front dabei, wo sich eine neue Wunde öffnet: die Not rumänischer Roma und Sinti, EU-Bürger der neuesten Stunde, die jetzt an unsere Tür klopfen, und von allen Seiten harsch zurückgewiesen werden. Ich kenne Rumänien seit einem Besuch 1996 durch ein Studentenprojekt – es ist sicher keine Erfindung, daß die Not in diesem Land so groß ist, daß es den Armen dort noch besser erscheint, bei uns beschimpft und herumgeschubst zu werden als als in ihrer Heimat genau gar nichts zu haben („ich kenne die amerikanischen Gefängnisse, sie sind wie russische Hotels“ sagte Arnie Schwarzenegger 1988 in „Red Heat“ – aber das war eine Komödie, dies ist das wahre Leben).

Es ist auch sicher keine Erfindung, daß die Rumänen es hier bei uns ohne Arbeitserlaubnis und Krankenversicherungsschutz bemitleidenswert schlecht haben. Mehr noch, es ist sogar politisch gewollt, denn ein Anreiz, hierherzukommen, sollte im Zuge der EU-Erweiterung gerade eben nicht geschaffen werden.

Und deshalb ist der Ansatz von fiftyfifty hier problematisch: humanitär und aus Glaubenssicht („was du getan hast am Geringsten unter ihnen, das hast du an mir getan“) verständlich, unterläuft er doch diese eben gewollte Begrenzung, und stellt uns einfache Düsseldorfer Zeitungskäufer vor eine Belastung: Denn Wohlfahrt ist eben, das habe ich in der Volkswirtschaft gelernt, auch ein knappes Gut, das den gleichen Gesetzen von Angebot und Nachfrage unterliegt, und das jetzt auf mehr Köpfe aufgeteilt werden muß. Für jede Zeitung, die ich bei einem rumänischen Verkäufer kaufe, geht mein Stammverkäufer leer aus. Deswegen ist es umso beeindruckender, daß gerade die einheimischen Obdachlosen sich mit dieser Teilung einverstanden erklären und uns Reicheren damit gelebte Solidarität vormachen. Doch können am Ende wir, die Käufer und Verkäufer einer kleinen regionalen Zeitung, die Armut eines Landes am anderen Ende der EU auffangen und lindern? Was für ein Zeichen setzen wir, wenn wir es tun? Und: was für ein Zeichen setzen wir, wenn wir es nicht tun?

Zeitungskaufen ist nicht eben leichter geworden.

Wenn nicht sogar sehr

Semra Idic "Wenn nicht sogar sehr"Das Buch von Semra Idic „Wenn nicht sogar sehr: Meine Geschichte unserer verhinderten Abschiebung“ wird von fiftyfifty, der Düsseldorfer Obdachlosenzeitung, in deren eigenem Verlag „Asphalt“ herausgegeben. Das Buch ist Stadtgespräch. Es behandelt den Kampf der Roma-Familie Idic gegen das Abschiebesystem, den viele täglich verlieren, einige vielleicht auch tatsächlich nicht zu gewinnen verdienen, und den die Idic‘ am Ende dank der Hilfe vieler engagierter Düsseldorfer gewinnen konnten.

Nach Jahren des Lebens in einem Halbuntergrund, z. B. im Kirchenasyl, einem Leben, das wir uns im Deutschland des 21. Jahrhunderts nicht vorstellen können, und das doch für viele jeden Tag so gelebt wird, hier bei uns und unter uns, ist die junge Frau Idic heute eine „Legale“ und zudem ein Superstar, ihr Werk wird von Altmeistern wie Günter Grass gelobt. Es ist das politisch korrekte Weihnachtsgeschenk des Jahres, und wem das zu sehr wie Hohn klingt: Semra Idic ist zudem auch lesenswert. Die Bestellung über Amazon ist unsicher, das Buch wird dort als nicht lieferbar angezeigt. Es geht auch über fiftyfifty-galerie.de oder Telefon (0211) 9216284.

Gedicht von Edward im fiftyfifty im November

Auch der November bringt uns wieder eins von diesen kleinen Gedichten, mit denen fiftyfifty-Verkäufer Edward an der Nordecke der Kö uns jeden Monat den Zeitungskauf „versüßt“. Ich drucke diese Gedichte ab, so wie sie Edward und seiner Frau aus der mechanischen Schreibmaschine klappern. Am Ende des Gedichts steht ein Link für eine Spende über Paypal. Jeder Betrag ist willkommen, ich zahle ihn an Edward aus.

Lieber fifty fifty Leser,

ich möchte hiermit tun kund,
dass die Landschaft ist nun herbstlich bunt,
denn das Laub fliegt derzeit zu jeder Stund‘.

Spaziergänge halten bekanntlich gesund,
ob alleine, ob mit Gattin oder Katze und Hund.

Ach, da fällt mir noch was ein und das sage ich nicht ohne Grund,
nicht jeder Zeitungsverkäufer ist wirklich einer, der sich vorstellt einem netten Kund‘,
denn bei dem, der nur eine oder zwei Zeitungen in der Hand hält, könnte es sein, dass diese gestohlen sind oder lediglich Fund.

Einen herrlichen Jahreszeitwechsel wünsche ich Ihnen, bei dem es geht so richtig rund.

Ihr

Edward

Wir wollen nicht verhehlen, daß es mit der Silbenzahl in diesem Monat wirklich etwas mit ihm durchgegangen ist… aber ich finde es interessant zu lesen, wie sich literarisch Angehauchtes und nützliche Hinweise aus den Schnittstellen unseres Alltags vermischen.




Edward und seine Poesie wieder im fiftyfifty

Mein Liebligsverkäufer auf der Kö hat wieder zugeschlagen. Auch in diesem Monat hat er seine Zeitung durch eine „Beilage“ aufgewertet:

Lieber fifty fifty Leser,

wie herrlich, es ist wieder soweit:
der Herbst macht sich breit.
Das güldne Laub fällt von den Bäumen bei seichtem Wind mit Leichtigkeit
und lässt die Gemüter ruhiger werden,
sodass glücklicherweise kaum noch zu finden ist irgendwo Streit.

Drum freu‘ ich mich über aufkommende Heiterkeit
insbesondere, wenn ich Sie wieder begrüssen darf von Zeit zu Zeit.
Im übrigen halte ich für die Kundschaft stets ein Exemplar
„fifty fifty“ bereit.

Ihr

Edward

Auch in diesem Monat kann, wer mag, Edward durch eine virtuelle Spende über den folgenden Paypal-Link für seine Poesie danken. Ich werde wieder alles brav sammeln und ihm ungekürzt zukommen lassen.




Gebrauchspoesie – Fiftyfifty von Edward

Düsseldorfern ist sie ein Begriff: fiftyfifty, das Straßenmagazin der Obdachlosen. Einige mögen auch Edward kennen: Edward ist Verkäufer mit Stammplatz am Nordende der Kö, und er schreibt jeden Monat ein Gedicht für seine Leser, das er mit in die verkaufte Zeitung einlegt. Das ist Gebrauchspoesie, getippt mit der Schreibmaschine, aber in verblüffend fehlerarmer Orthographie: der Leser möge keine hohe Kunst erwarten, aber ich finde jedenfalls, daß es eine sympathische Geste ist – ein Alleinstellungsmerkmal, sagt der Marketer – und kaufe meine Zeitung bewußt speziell bei Edward.

Ich denke, an dieser mittelhohen Kunst darf jeder teilhaben. Deshalb werde ich Edwards Gedichte veröffentlichen. Am Ende des Artikels ist ein Paypal-Spenden-Link. Wer also Lust hat – „Ey, haste mal nen Euro?“ Jeder Betrag zählt, und ich verspreche, es an Edward auszuzahlen. Ich weiß, wo sein Stammplatz ist.

Lieber fifty fifty Leser,

so einfach zwischendurch möchte ich Ihnen mal was nettes sagen,
denn ohne ein paar schöne Worte ist es möglich schnell zu verzagen. 
Ein kleiner Plausch versetzt in Rausch und ist recht praktisch,
eventuell kann ich beantworten auch ein paar kleine Fragen.
Das heisst, Sie müssen nicht stets eine fifty fifty käuflich erfragen,
sondern etwas Nettigkeit ist ebenfalls gut für den Magen.

Ich erlaube mir zu warnen, Ihre Taschen und Geldbeutel immer gut zu tarnen,
denn ein Diebstahl auf hiesigen Strassen sorgt schnell für Unbehagen.

Zu guter Letzt möchte ich mich nicht beklagen,
aber ein Job wie Einkaufshilfe oder etwas Tragen
bringt mich vielleicht in bessere Lagen.

Auf ein gemeinsames Wiedersehen freue ich mich und sage bis bald,
womit ist gesorgt für eine herrliches Wohlbehagen.

Ihr

E d w a r d

Na, und jetzt den lockeren Euro bitte in den Klingelbeutel: