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Archäologie und Nespresso-Alternativen

Kompost, das ist für den einen eine Wissenschaft, für den anderen nur so ein Haufen in der Ecke des Gartens, der seinen Job, wieder Natur zu werden, auch allein erledigt. Unser Kompost muss ohne Liebe, Zuwendung, Umschichten, Kalkeinstreu klarkommen – und das tut er auch.

In diesem Frühjahr trug ich aber wieder einen Haufen ab, und stieß dabei auf unerwartete Funde aus der Jungsteinzeit des Kaffees. Wir steigen in den deLorean und erinnern uns: Ich hatte einmal Geschmack und Preis alternativer Nespresso-Kapseln beurteilt, und sie schnitten damals nicht so gut ab. Scheinbar aber waren sie zumindest ökologisch sinnvoll, denn ihre Kapseln waren kompostierbar. Nach nur einem halben Jahr, so rühmte sich die Ethical Coffee Company, wären die biologischen Pflanzenfasern und Stärke weg, sogar geregelt in der EN 13432.

Kompostkapseln

Nun, da sind sie zu meiner Verblüffung immer noch. Wann schrieb ich den Artikel noch gleich? 2012!

Ich trinke vier Jahre später übrigens immer noch Nespresso, ein teures Vergnügen, ökologisch aber heute viel weiter als damals, denn ich kann die Kapseln zum Recycling in die Boutique zurückbringen. Aluminium ist beliebig oft wiederverwendbar, energieintensiv zwar, aber zumindest nachweislich, anders als dieser Kaffeezauber.

Neue Kaffeekapseln aus Bremen: Zuiano

Manchmal wird man als Blogger ja mehr oder weniger subtil aufgefordert, ein neues Produkt vorzustellen. Das kann nervig sein oder spannend, und es schmeichelt auch ein wenig der Eitelkeit: Da hat jemand meine Reviews gelesen und findet sie zumindest gut genug, oder meine Blogreichweite hoch genug, um sein Produkt gern auf meiner Seite zu sehen.

Diesmal war es eher subtiler: Kaffeekapseln von einer mir bis dahin unbekannten Marke kamen im Paket mit einem handgeschriebenen Brief vom Firmeneigentümer. Das kommt schon mal anders daher als irgendein Seriendruck.

2013-04-24 10.42.26

Dazu erzählt die Firma eine interessante Geschichte. Aus Bremen kommt dieser Kaffee, wo ja immer noch der meiste Kaffee für Deutschland angelandet wird, und allerlei Großröstereien sitzen. Er wird von drei Freunden, sie nennen sich etwas pompös „Kaffeesommeliers“, hergestellt. Sie haben sich des Themas „Sustainability“ auf eine besondere Art angenommen: Statt fair gehandelten Kaffee zu verwenden, wobei ein höherer Kaffeepreis direkt den herstellenden Kaffeebauern zugute kommt, lassen sie einen Prozentsatz ihrer Einnahmen einem brasilianischen Sozialprojekt zukommen, mit dem sie direkt (über die brasilianische Ehefrau des Inhabers) verbunden sind. Das ist natürlich grundsätzlich löblich, wenn aber die Kaffeebauern weiterhin ausgebeutet werden, wird die Wohlfahrt, hier ein Waisenheim, auf deren Rücken ausgetragen. Grundsätzlich ist es effizienter, das Gute so direkt wie möglich zu tun, CO2 zu vermeiden statt Zertifikate zu kaufen, Langzeitarbeitslose einzustellen statt Steuereinnahmen in das Sozialsystem zu stecken, oder eben Armut im Herkunftsland des Kaffees entgegenzuwirken, statt sie anschließend zu bekämpfen. Organisationen wie Fairtrade oder Max Havelaar tun das, und sie genießen einen besseren Ruf als proprietäre Parallelorganisationen wie Nespressos „Ecolaboration“.

Zuiano Einzelverpackung

Aber reden wir über Kaffee. Zehn Kapseln waren in der Probierpackung, von sechs Sorten. Drei Espressos, zwei Lungos und ein Decaf, mit so dramatischen Namen wie Flash, Emperor, Happiness oder Peace. Sie sind einzeln verpackt – und übrigens ungefähr 12% billiger als Nespresso-Kapseln. Darunter sind ein paar wirklich gute Stöffchen, der Kaiser hat definitiv Kleider an, und mit dem Lungo Adventure erlebt man geschmacklich angenehme Abenteuer. Der PS-stärkste Ristretto, Flash, ist aber gar nicht mein Ding, er schmeckt eben irgendwie wie pures Koffein, unangenehm. Ich werde wohl mal eine weitere Bestellung starten, um die Schwiegereltern auch noch kosten zu lassen.

Was, schmecken soll er auch noch? Alternative Nespresso-Kapseln

REWE hat etwas Neues im Sortiment, und ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, es auszuprobieren: eine Alternative zu Nespresso, für die Nespresso-Maschine. Espresso von der „Ethical Coffee Company“. Ein kurzer Blick:

Wenn ich einen Alternativ-Nespresso beurteilen sollte, dann nach folgenden Kriterien:

  1. Preis
  2. Qualität
  3. Ökologie
  4. Fairness zum Kaffeebauern

Mit dem Preis anzufangen ist natürlich das Einfachste: Heute kosten mich 10 Kapseln von diesem neuen Stoff in der Werbung 2,22€, zukünftig werden sie 2,99€ kosten. Nespresso kostet ab 3,50€, seine größte Schwäche. Das macht, lassen wir die Werbewoche beiseite, 15% Ersparnis.

Messbar, aber nicht atemberaubend. Ein Pfund Dallmayr Prodomo kostet im selben Supermarkt 5,49€ regulär und 3,99€ in der Werbewoche, das allein sind über 25% Preisunterschied!

Das Merkmal, dessen sich der Hersteller am meisten rühmt, ist aber die Ökologie, ein Thema, das mich immer interessiert. Diese Kapseln sind komplett kompostierbar (es gibt sogar eine Norm dafür…)! Nespresso-Kapseln sind aus Aluminium, das ist recyclingfähig wenn es a) überhaupt separat gesammelt wird, wie z. B. in der Schweiz, bei uns aber nicht, und b) unter ziemlich hohem Energieaufwand, eine beträchtliche Einschränkung.

Das ist ein attraktives Merkmal, über das sich sehr nachzudenken lohnt. Allerdings wollen wir nicht verschweigen, dass die 10er-Packung „ECC“-Kapseln zusätzlich in Plastik eingeschweißt sind, wohl, weil das Biomaterial nicht aromasicher ist – es schlägt einem ein deutlicher Kaffeegeruch entgegen, wenn man das Plastiksiegel öffnet, und der Hersteller empfiehlt, eine angebrochene Packung in einem Monat zu leeren. Das Aroma von Nespresso ist in jeder einzelnen Kapsel versiegelt.

Aber ökologisch und komplett kompostierbar ist auch Filterpapier, und einer der wesentlichen Gründe, warum wir Kapselkaffee wie Nespresso nutzen ist doch die Mischung aus Convenience und Qualität, also Geschmack. Und wie sieht es nun damit aus?

Zunächst läuft der Prozess ganz wie gewohnt, dass der Hebel etwas strammer geht – worauf deutlich hingewiesen wird – ist nur eine Marginalie. Der Kaffee läuft langsam durch, das Ergebnis sieht optisch, Crema usw., einwandfrei aus. Ein Lungho aus der Sorte Cremoso bereitet, denn so starte ich nun einmal meinen Tag, ist allerdings leider sensorisch ein Graus, ab dem zweiten Schluck schmeckt er einfach nur „flat“. Ein Ristretto aus der Sorte Espressivo kommt schon besser daher, da wird es zumindest keine Quälerei werden, die Packung leerzutrinken. Aber „Hurra“ schreien geht anders. Die geschmackliche Qualität ist eben Nespressos beste Waffe.

Von einer „Ethical Coffee Company“ erwartet der oberflächliche Betrachter schließlich etwas Ethisches, und denkt dabei bei Kaffee gern auch mal an die Kaffeebauern, und dass sie oft ausgenutzt werden. Nesspresso hat ein eigenes Programm, „AAA Ecolaboration“ extra zu diesem Thema entwickelt, dass es eben nicht vergleichbar ist mit etablierten Programmen wie dem Schweizer Max Havelaar oder unserem Fairtrade, wird von der Solidar Suisse in einer gelungenen Kampagne, die auf Nespresso-Botschafter George Clooney abzielt, betont.

Aber uups, auf der Packung und der Website der ECC sucht man jeden Hinweis auf ein faires Handelsprogramm völlig vergebens! Weil es wohl keins gibt. Erst im Blog des Chefs, das ich leider nur lesen kann, wenn ich es durch Google Translate jage, wird der Kaffeebauer einmal im Nebensatz erwähnt: dort wird nämlich die Kritik an Nespressos Verhalten vorgebracht, deren Programm als Greenwashing gebrandmarkt, und dann gleichzeitig erwähnt, man selbst würde ja 20% über Weltmarktpreis einkaufen, und die Plantagen wären dann doch automatisch daran interessiert, ihre Mitarbeiter höher zu entlohnen. Dass ein Vertrauen auf Marktmechanismen gerade nicht beim schwächsten Glied der Kette ankommt, ist nun aber hinlänglich erwiesen. Also, das ist Greenwashing par excellence!

Fazit: Das war ein interessantes Experiment. Kompostierbarkeit ist ein starkes Argument, Preis ein weiteres, nicht ganz so starkes. Geschmack und gleich jedes Fehlen ethischen Engagements bei den Kaffeebauern lassen es leider im Ansatz scheitern.

Was denkt nun Nespresso selbst? Obwohl wir es offiziell nie erfahren, dürften wohl hinter den Kulissen Heerscharen von Anwälten aktiv sein. Der Schweizer Lebensmittelhändler Denner hatte es auch schon mal mit „Alternativkapseln“ versucht, und war nach kurzer Zeit ohne Begründung wieder vom Markt verschwunden. ECC-Chef Gaillard nennt noch einen weiteren interessanten Aspekt: Nespressos neueste Maschine „Pixie“ habe einen technisch veränderten Kapselmechanismus, der seine Kapseln angreife, eine technische Gegenmaßnahme also neben den juristischen.