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Wenn mich die Laune packt…

Schwebefähren können nicht sinken

Wenn ich als Möchtegern-Romanautor eins in der Schublade habe, dann sind das angefangene Romane. Für einen aufsehenerregenden Anfang braucht es etwas, das einem das „wahre Leben“ nicht so schnell nachmachen kann.

Denkt man. Für meinen Roman über einen fiktiven Rendsburger Kriminalkommissar, Nachfahre meines realen Ur-Urgroßvaters, des Rendsburger Polizeikommissars Carl Arbs, hatte ich mir 2008 einen richtigen Knall ausgedacht: ein russischer Tanker kollidierte mit der Schwebefähre der Rendsburger Eisenbahnhochbrücke. Der estnische Rudergänger verschwand – ging er bei der Kollision über Bord, oder war er abgehauen und hatte den Zusammenprall damit erst ausgelöst?

russicher Frachter und Rendsburger Schwebefähre
russischer Frachter passiert Rendsburger Schwebefähre, eigenes Bild, 2006

Kann man sich nicht ausdenken, oder? Tja. Am 8. Januar kollidierte die Fähre mit dem Frachter „Evert Prahm“. Der einzige Passagier, ein Radfahrer, stürzte an Deck und wurde von seinem Fahrradhelm vor schweren Verletzungen bewahrt (SHZ-Artikel mit einem tollen Video). Die über 100 Jahre alte Fähre soll wieder hergestellt werden, wird aber wohl für wenigstens ein Jahr ausfallen.

Die „Toyvo Vyakhya“, ein russischer Küstentanker, glitt durch die Abenddämmerung des Nord-Ostsee-Kanals. Der Kapitän schnarchte in seiner Kabine, man mochte es einen Schlaf der Gerechten nennen: Vor einer Stunde hatte ihn sein Matrose am Ruder abgelöst, und er hatte vergleichsweise wenig Wodka intus. Schiffe wie seins hatte die sowjetische Handelsmarine wie vom Fließband in die Ostsee hinausgeschickt, langgezogene, blecherne Schuhkartons, mit groben Holzbalken zum Abfendern der kleineren Kollisionen des Alltags benagelt. Einzelne hatten die glorreichen Zeiten des Kommunismus überdauert – sie hatten schon damals bessere Zeiten gesehen – und tuckerten heute noch zwischen St. Petersburg, das sie noch als Leningrad kannten, und Schweden, Dänemark oder Deutschland hin und her.

Die einsetzende Dämmerung begann die Sicht zu beeinträchtigen. Die recht voraus auftauchende Schwebefähre an der Rendsburger Eisenbahnhochbrücke hätte der Junge am Ruder trotzdem nicht übersehen können, denn sie war beleuchtet wie ein Weihnachtsbaum. Doch das Ruder war mit einem Holzkeil festgestellt, niemand war auf der Brücke.

Als ich vor der Polizeiinspektion gerade in meinen Wagen steigen wollte, hörte ich die Sirenen der Feuerwehr, die wenige hundert Meter hinter mir zum Kanal hin aufbrach. Offensichtlich die volle Besetzung. Ich zögerte, überlegte, kehrt zu machen und mich nach dem Grund zu erkundigen, entschied mich aber dagegen. Unfälle sind nicht meine Sache. Feierabend.

Doch ich war noch nicht weit gefahren, als mein Handy klingelte. Es war der junge Beamte, den ich eben noch am Empfangstresen passiert hatte. „Sie sollten auch mit zur Schwebefähre fahren. Die Kollegen von der Feuerwehr haben einen Notruf, der uns auch betreffen könnte. Es gab eine Havarie mit einem russischen Tanker. Ölunfall. Aber außerdem eine vermisste Person.“

Ein gespenstisches Bild bot sich im flackernden Blaulicht. Der Tanker hatte den Brückenpfeiler knapp unterhalb der Rampe für die Schwebefähre gerammt. Die Fähre hatte wohl gerade abgelegt, sie hing an ihren Stahltrossen wenige Meter von der Rampe entfernt wie eine Marionette, die vom Puppenspieler zurückgelassen worden war. Etliche Autos standen auf ihrem Deck, und man konnte die aufgeregten Fahrgäste sehen, die dort hilflos ausharren mussten.

Eine Schwebefähre ist eigentlich kein Schiff, sondern einfach eine Plattform, die an Tauen hängend unter einer Brücke hin- und hergezogen wird. Weil sie aber eine Wasserstraße kreuzt, unterliegt sie den gleichen Beleuchtungs- und Verkehrsvorschriften, als würde sie auf dem Wasser schwimmen. Die Rendsburger Eisenbahnhochbrücke und ihre Schwebefähre stammten von 1911, und beide Teile des Bauwerks waren immer noch in Betrieb.

Auf dem Wasser war das kleine Boot der Feuerwehr beschäftigt, eine Ölsperre um den Tanker zu legen, aber es war zu sehen, dass sie nicht ausreichte. Zu viel Öl trat aus. Der ganze Rest der Feuerwehrleute, das sah ich sofort, war nicht mit dem Schiff beschäftigt, sondern suchte nach Personen im Wasser. Es fehlte also jemand von der Besatzung. Ich trat zum Einsatzleiter, der an seinem kleinen Bus lehnte und gerade telefonierte. Er begrüßte mich und kam sofort zur Sache: „Das ist gerade noch mal gut gegangen für die Menschen auf der Fähre. Der Fährmann sah die Havarie kommen und legte sofort ab, einen Augenblick später rammte das Schiff genau die Anlegestelle. Aber wir haben Sie aus einem anderen Grund gerufen. Der Rudergänger fehlt.“ – „Ist er bei der Havarie über Bord gegangen? Er war doch wohl auf der Brücke?”

„Das ist genau das Problem“ antwortete mir Paul Hansen. Der erfahrene Feuerwehrmann war sicher zu demselben Schluss gekommen, dass die Erschütterung, die durch einen auflaufenden Tanker lief, nicht reichen würde, um einen Mann aus dem geschlossenen Ruderhaus herauszukatapultieren. Er würde allenfalls stürzen und vielleicht nach der Havarie orientierungslos an Deck herumirren. Aber das war es auch nicht: „Der Kapitän sitzt da drüben. Er ist sturzbetrunken, aber er sagt, dass er die Flasche erst nach dem Unglück geleert hat, und ich glaube ihm. Er sagt, er hat auf der Brücke nur ein festgestelltes Ruder gefunden, von dem jungen Mann, ein Este, keine Spur. Er glaubt, dass der Mann mal eben pinkeln war, und das Schiff auch auf der kurzen Geraden zu weit vom Kurs abkam. Als es dann krachte, hätte der Typ wohl die Panik gekriegt und sei abgehauen. Wenn’s stimmt, müssen Sie ihn an Land suchen, nicht wir im Wasser. Wir haben sowieso genug mit dem Öl zu tun. Der Wind treibt es zurück zur Eider, und mit unserem kleinen Boot können wir es nicht aufhalten. Wir brauchen das große Ölbekämpfungsschiff aus Kiel, und das ist noch unterwegs. So lange stehen wir hier mit den Händen in den Hosentaschen.“

Mein Anfang ist damit natürlich „verbrannt“, und ich muss mir alles neu ausdenken. Denn das glaubt mir ja wieder kein Mensch.

Hell and High Water – Swimming the length of Britain

More than once while following the adventures of Sean Conway on the interwebs I was convinced he was outright risking his life. But, as much as that is obviously what an adventurer does, the one moment he really almost came to death was what could have happened to any of us – on his bike, by the side of the road, through a car. (OK, he was on another record attempt, cycling round the world, whilst I am cycling down to the grocer’s to buy fruit and milk, but still, the cars are very much the same…)

There are more ways that connect his doings to mine, in fact more than I previously knew. They are current (This very moment Sean camps at Fort Williams, on the banks of Neptune’s Staircase, where we had a friendly family camping last summer, whereas he runs from John O’Groats to Lands End to round off his giant triathlon of Britain) and past. You can read about the past in his last book, „Hell and High Water, one man’s attempt to swim the length of Britain“.

Hell and High Water and meThe short news, he succeeded, which effectively made him the first and only man who did swim from Lands End to John O’Groats, clockwise. I guess in Britain he’s fairly well known for that now. The somewhat longer story, which makes me recommend to read his book, is one of „if I can do that, so can you“: Apparently the odds were against him a lot more than I’d have thought from merely following him on Twitter. Not only had no one done it before, not only were his funds limited, so was also his experience. In fact it would appear he was little more of a swimmer than I am, claiming his last and only experience was from a race he swam when he was fourteen (his overall fitness certainly beat mine, though). It would also appear I knew a lot more about the accompanying logistics, in particular his team boat, a half-a-century old 26′ wooden sloop named „Friday“, having been raised on a half-a-century-old 24′ fiber glass sloop named „Diogenes“. Were I not a family dad who can’t just leave it all behind, I would have offered myself as his skipper when he needed one. Instead, all I did was throw in a measly share in a crowdfunding run. The adventure points all go to him.

And he did need a skipper. It was just one of the things that did not run as expected, things he can talk about openly now that the glamorous end shines over it all. How he never tried a day at sea before the start, so he was surprised at seasickness and made much smaller day’s runs, which extended his trip deep into winter. How he almost drowned at Cape Wrath, and totally not drowned at the Sound of Sleat. How he ran out of funds and it was us crowdfunders who helped him get along almost more than his sponsor. And the beautiful things. How people along the way helped him with food, fuel, hands and advice. How a beard helped protect him from jellyfish. How overcoming his fear from swimming at night was rewarded with a phosphorous experience. How a girl never stopped smiling even though she was afraid of the water, for months.

Really, if ever a guy grew over himself and finished the unfinishable, underweight, unshowered, unorganized and very, very unshaven, it’s Sean.

And I guess it’s never too late to support his charity of choice, War Child.

Schreck in der Mittagsstunde

Wenn ich den Ordner „Entwürfe“ meines Blogs öffne, finde ich manchmal unfertige Denkschnipsel, die so lange da gelegen haben, dass sie von der Wirklichkeit überholt wurden. Aber diesmal kriegte ich wirklich einen Schreck: Das hier, „in absehbarer Zeit werden wir erfahren, dass der beliebte Autor seinem Leben ein Ende setzt, solange er selbst es noch kann“, habe ich im Juli 2014 so wie hier gezeigt ausformuliert.

Ich wollte noch mehr zum Thema Sterbehilfe schreiben (einiges ist seitdem in meine Geschichte bei „1000 Tode“ eingeflossen), Terry Pratchett sollte nur die Einleitung sein.

Screenshot meines EntwurfsAber diese „Chronik eines angekündigten Todes“ habe ich tatsächlich genau so geschrieben. Ich habe kommen sehen, dass Terry Pratchett sterben würde. Und ich traue mich auch heute zu sagen, wir werden womöglich nie erfahren, ob er selbst seinem Leben ein Ende setzte oder ob er eines natürlichen Todes starb, darüber wird seine Familie wahrscheinlich Diskretion wahren, aber es ist bei allem, was wir über ihn wissen, doch absolut denkbar.

Hinterheiabettzimmer und ISBN

Wer viel liest und auch gern schreibt, ob er nun bloggt oder was mit Social Media macht, hat nicht selten auch Ambitionen, sich richtig Schriftsteller nennen zu können. Ich nehme mich da nicht aus. Ich nenne einen Ordner Romanentwürfe mein Eigen, er enthält etliche Synopsen, erste Kapitel, ein paar zweite, viel zu wenige dritte. Auch Versuche, den Druck zu erhöhen, wie NaNoWriMo, ein November, bei dem man sich gegenseitig anspornt, eine Story in einer Wortzahl durchzupeitschen, die eigentlich nur mit Vollzeit zu schaffen ist, gingen vorbei.

Nun aber habe ich eine ISBN. Genau genommen bin ich Teil eines Gesamtwerks, Nr. 175 von derzeit 246, am eBook 1000 Tode schreiben von Christiane Frohmann. Es ist eine Sammlung von Kurzgeschichten zum Thema Tod. Und ich fand darin genug Grund, ein paar Worte zu lancieren, die mein Leben begleiteten:

  • Hinterheiabettzimmer
  • Kästeklippen
  • Leutaschklamm

Zwei sind in Google Maps. Eines nicht. Dabei könnte ich jeden Zentimeter dieses Zimmers beschreiben, das es so nicht mehr gibt, seit ich zehn war. Hier stelle ich also vor: meinen Opa.

„Wie geht es ihm?“ – „Moin. Na, er ist verstorben.“ Die psychologische Schulung Hamburger Rettungswagensanitäter ist ausbaufähig.

Das ist es natürlich nicht, was ich denke in diesem Augenblick. Der Vermieter meines Großvaters hatte uns angerufen, und den Notarzt gleichzeitig. Mein Vater und ich rasten zu seiner Wohnung, und dies war der Dialog zur Begrüßung, als wir ankamen und die beiden Männer gerade wieder ihren RTW bestiegen. Ihr Job war bereits erledigt. Unser Tag fing erst an.

Rückblick. Ein Samstag im September 1989, ich bin ein junger Erwachsener, Opa war bis gerade ein rüstiger Senior von 99 Jahren. Bis Dienstag war er bei bester Gesundheit gewesen. Eigentlich stehen die Bilanzen nicht schlecht, ein langes, erfülltes Leben und ein kurzer, gnädiger Tod.

Tieferer Rückblick. Der kleine Thomas freute sich am meisten auf die Sonntage bei Opa, er durfte im Hinterheiabettzimmer schlafen, im Flur der Altbauwohnung mit den hohen Decken war eine lange Schaukel montiert, und am Sonntagmorgen ging es oft ins Planetarium im Wasserturm oder zum Schwimmen in den Stadtparksee. Der mittelgroße Thomas reiste mit Opa in den Harz oder nach Mittenwald, sie stiegen auf die Kästeklippen, wanderten am Dammgraben oder nahmen die Seilbahn auf den Karwendel, stiegen in die Leutaschklamm. Ein alter Mann mit einem Stock, der noch überall hinkam, die Leute guckten neugierig, dabei sahen sie ihm gar nicht an, wie alt er in Wirklichkeit war.

Zwischen dem kleinen Thomas und dem mittelgroßen lag ein Ereignis. Zehn Jahre war Thomas alt, Opa 88, als der Krebs ihn fällte. Es war eine seltene Ausprägung, vor allem aber „war er ja schon alt“, kaum ein Arzt räumte ihm Hoffnung ein. Sie hatten ihre Rechnung ohne einen Menschen gemacht, der zwei Weltkriege überlebt hatte, zwei Ehefrauen und zwei Söhne, der seit seinem 26. Lebensjahr mit einer Kriegsbehinderung lebte. Als es ihm richtig dreckig ging, erzählt Vater erst viel später, sagte Opa auch, er wolle nicht mehr leben. Wollte er dann aber doch. Als Opa ein halbes Jahr später nach einer Operation nach Hause ging, kaufte er sich erst einmal ein neues Fahrrad. Die folgenden elf Jahre sind Geschichte, zumindest für Thomas, den Enkel. Eine Kindheit und Jugend ohne diesen Großvater? Unvorstellbar.

Zurück zum Samstag. Zu den Formalitäten, die man niemand wünscht, gehören zwei verständnisvolle Polizisten, auf deren Anruf der Notarzt bestanden hat, und ein fischkalter Hausarzt. Kühl sagt er uns, dass der Krebs Opa wieder eingeholt hatte, habe er schon seit einem halben Jahr gewusst, aber niemand etwas gesagt, denn es sei ja klar gewesen, dass da nichts mehr zu machen war. „Er war ja schon alt.“

Ich kann an keiner Diskussion über das Altern in Würde und die Grenzen des Lebens teilnehmen, ohne daran zu denken, was gewesen wäre, wenn die einen Ärzte beim ersten Mal – scheinbar mit jeder Berechtigung! – genauso gedacht hätten wie der andere beim zweiten.

Zwei England-Reisen und Köln: Harry-Potter-Rundumschlag

Wir erinnern uns nicht mehr ganz genau, wie es begann. Wir waren keine „early adopters“, die schon kurz nach 1997 von Harry Potter wussten und Fans wurden. Wir wurden es eher Anfang des Jahrtausends.

Aber wir erinnern uns, wie wir 2003 unsere Fahrradreise durch Schweden so zu planen versuchten, dass wir um Mittsommer in einer größeren Stadt mit einer internationalen Buchhandlung waren, damit wir gleich am Morgen des Erscheinens den „Order of the Phoenix“ aus dem Regal reißen konnten (was in Karlskrona nicht klappte, weil an Mittsommer alle Geschäfte geschlossen haben, so dass wir erst etwas später in Kalmar erfolgreich waren), und wieder am 21.7.2007 im niederländischen Breda, als der Abschlussband „Deathly Hallows“ erschien (wir lesen die Originalfassungen). 2005 erschien das Buch nicht in unserem Urlaub…

Eine Lesegeneration später haben wir die aus Buchstaben gespeiste Fackel an unsere Kinder weitergegeben, und in unserer zehnjährigen Tochter vielleicht einen der größten Harry-Potter-Fans erzeugt. Ihr manchmal etwas ungezähmtes Haar, ihre manchmal etwas pedantische Art und ihre Liebe für Eulen, bevor diese eine allgemeine Mode wurden, machen sie zur personifizierten Hermine.

Als wir dann beschlossen, unsere Campingreisen 2013 und 2014 nach England zu verlegen, war ein Harry-Potter-Thema eine recht klare Sache. Und so sahen wir Alnwick Castle, das schöne Schloss in Northumberland, in dem die Außenaufnahmen von Hogwarts gedreht wurden, sahen und benutzten den Jacobite Train von Fort William nach Mallaig, jene Dampfeisenbahnlinie, auf der der Hogwarts Express verkehrte, sahen die Warner Brothers Studio Tour in London, die originale Filmkulissen bis ins kleinste Detail für die Besucher auferstehen lassen. Und schlossen den Kreis ganz nah am Zuhause mit der reisenden Harry Potter Exhibition, die zur Zeit in Köln gastiert.

Alnwick ist auch für sich allein ein schönes Schloss in schöner Landschaft. Aber sein typisches Museum von Innenräumen ist für Kinder wenig spannend. Der große Schlosshof ist es, in dem die Aufnahmen z. B. der Flugstunden von Harry Potter gemacht wurden, und diese Bekanntheit nutzt man aus, hier werden Shows mit Potter-inspirierten Charakteren angeboten, Besen-Flugstunden, aber auch „normale“ Ritterspiele und anderes. Ein sicherer Tagesausflug mit Picknick auf englischem Rasen. Wir profitierten von einem Gag: Jede Eintrittskarte kann kostenlos zur Jahreskarte umgewandelt werden, als wir im nächsten Sommer wiederkamen, waren erst ca. 335 Tage verstrichen, und wir konnten noch einmal schauen. Einen weiteren Ausflug im Städtchen Alwnick wert ist Barter Books, ein Second-Hand-Buchladen in einem alten Bahnhof. Wunderschön, sehens- und „lesenswert“, und ein gutes Bistro ist auch noch drin.

Fort William liegt in den landschaftlich schönen schottischen Highlands, hat mit Ben Nevis (1.344 m, ein Munro) einen Hausberg, den höchsten Großbritanniens, ist aber als Stadt nicht wirklich spannend. Wer wandern will, findet hier reichlich Gelegenheit, wer shoppen will, findet nur Trekking-Läden. Aber von hier zum Fischerdorf Mallaig, malerisch, aber noch kleiner, führt The Jacobite, eine täglich unter Dampf betriebene Strecke, an der die Szenen des Hogwarts Express gedreht wurden. Die echte 5972 Olton Hall fährt aber nicht mehr mit, bzw. fuhr dort sowieso nur für die Dreharbeiten, sie steht heute in London. Wir fuhren genauso gern mit der 44871.

Über die Londoner Studio Tour habe ich einen eigenen Blogartikel geschrieben. Sie ist allein schon fast eine Reise nach London wert. Ein kleiner Harry-Potter-Treff ist auch im Bahnhof King’s Cross, wo das Gleis 9 3/4 für Fotos nachgestellt wurde. Und wer so richtig sein Geld raushauen will, schläft anscheinend neu im Georgian House, einem Hotel mit Harry-Potter-Theme-Rooms. 460 €/Nacht im Familienzimmer, ich sage mal nichts…

Wer als Fan nicht ganz so weit reisen mag, findet im Kölner Odysseum die Wanderausstellung vor. Sie zeigt viele Kostüme, Requisiten und Teile von einzelnen Kulissen. Es ist ein „you ain’t seen nothing yet“-Erlebnis, wenn man es mit London vergleicht, und wenn der Tag noch nicht rum ist, ist das Odysseum natürlich auch schön für die Kids. Was uns aber vor allem aufstieß, ist das Geld: Das Familienticket kostet hundert! Euro!! – das ist fast schon genau so viel wie das für das Londoner Studio (93 Pfund sind ca. 115 €), für das man doch sehr viel mehr sieht, und dann geht es immer weiter so: 18 € für das Gruppenfoto, das man am Eingang machen lassen kann, 45 € für einen Zauberstab im Shop, den man bei eBay für 31 € kriegt. Praktisch alle Artikel im Shop sind teurer als ihre unverbindliche Preisempfehlung. Mein Votum: Nicht in dem Sinne schlecht, aber zu teuer.

Wieder gelesen: Die drei ???

In der Gemeindebücherei zu Konfizeiten las ich alle verfügbaren Bücher der „drei ???„, hörte die legendären Cassettenhörspiele mit Peter Pasetti und Oliver Rohrbeck. Mein Wiedersehen nach drei Jahrzehnten offenbarte mir allerlei Überraschungen.

Fangen wir mit der irgendwie logischen Erkenntnis an: Für Lisa, 8, ist meine Idee eigentlich zu früh. Als ich in der Schulbücherei entdeckt hatte, dass Ratekrimis im weiteren Sinne meinen Sohn nicht faszinierten, meine Tochter aber schon, die Mädchenserie „die drei !!!“ von ihr aber als viel zu tussihaft ausgebuht wurde, schloß ich „die drei ??? Kids“ erst mal aus, und legte ihr das Original nahe, immerhin liest sie auch schon Harry Potter. Verfrüht, wie ich bald merkte. Sie selbst war begeistert, las das erste Buch („Die drei ??? und das blaue Biest„) durch, wollte dann das Lesequiz bei Antolin machen. Doch ein rotes Quiz (zur Erklärung: blaue Antolin-Quizzes fragen nur nach Textverständnis, rote nach Inhalten über den Text hinaus) für die 6. Klasse, also solches entpuppte es sich, stellte natürlich zu hohe Ansprüche an die Allgemeinbildung. Wissen, dass Einstein kein österreichischer Geologe ist und Sumatra nicht vor der kalifornischen Küste, oder den Unterschied Egomane/Egoist herausarbeiten ist nicht Stoff der 3. Klasse.

Für mich stand natürlich der Wiedersehens-Effekt im Vordergrund. Groß geworden mit Klassikern wie „Die drei ??? und die flüsternde Mumie“, wollte ich sehen, was sich geändert hat. Und war belustigt. Waren Justus, Bob und Peter damals noch Schulkinder, die radelten oder von Morton im beim Preisausschreiben gewonnenen Rolls Royce durch die Gegend chauffiert wurden, haben sie inzwischen die 16 gestemmt und dürfen im fernen Amerika damit selbst Auto fahren. Der Hang zu High Tech manifestiert sich eher skurril: Waren es damals Walkie Talkies und Richtmikrofone, sind heute Google Street View und Smartphones selbstverständlich – und dennoch muss Archivar Bob zum Recherchieren unterwegs in ein Internetcafé einkehren. Geblieben sind die Telefonate aller drei mit zugeschaltetem Verstärker im geheimen Wohnwagen, die so herrlich an „Charlie’s Angels“ erinnern.

Vor allem aber ist nicht nur Alfred Hitchcock vollständig aus der Geschichte verschwunden, das geschah schon damals, als der Regisseur Im Richtigen Leben starb, sondern auch generell die kleinen Kästchen mit Fragen am Ende der Kapitel, die den Leser zum Mitraten und Nachdenken anregten. Die fehlen mir irgendwie.

Wortfriedhof

Manchmal fällt einem solcher Verbalabfall raus, daß man sich fast wie ein Werbetexter fühlt. Und manche Phrasen, die wie Automatismen auf ein Schlüsselwort folgen, müßten einfach aussterben. Ich sammle mal (auf die Gefahr hin, sie genau damit vor dem Aussterben zu bewahren):

  • wir haben es uns zur Aufgabe gemacht (ironischerweise hörte ich das letztens tatsächlich aus dem Munde von Lisa: „Christian, wir machen es uns zur Aufgabe…“ – wäre beinahe schreiend dazwischen gesprungen)
  • Sie haben die Möglichkeit
  • am Start (i. S. von „die Meyer KG hat eintollesneuesProdukt am Start“)
  • die Hoffnung stirbt zuletzt (mein Vater bringt den leider manchmal, und kürzlich fiel es ihm selbst auf, ohne daß ich ihn drauf stoßen mußte, wie abgenutzt es ist)
  • Aktuell: Der Winter hat Deutschland fest im Griff (von Mario Sixtus)

Das sind nur die paar, die mir seit ein paar Tagen bewußt im Kopf herumkullern. Wer hat mehr? Die Kommentare sind offen…

Der Feind im Schatten – Wallanders Reichenbachfälle

Wer in der Krimiliteratur zu Hause ist, erinnert sich (wenn auch sicher nicht persönlich, das war 1893, mein Opa gerade drei Jahre alt) an Sir Arthur Conan Doyle, der, genervt vom Ruhm seines Serienstars, versuchte, Sherlock Holmes in den Schweizer Reichenbachfällen ertrinken zu lassen. Es gelang nicht, Holmes feierte seine Auferstehung und löste weiter seine Fälle. Auch der schwedische Erfolgsautor Henning Mankell scheint seines Kommissars Kurt Wallander überdrüssig. Längst hat er mit den Titeln über sein Herzensthema Afrika eine zweite literarische Karriere, und bedient auch das Genre Schwedenkrimi außerhalb von Ystads engen Grenzen („Die italienischen Schuhe„). Mehr als zehn Jahre haben die ersten Titel der Wallander-Reihe („Mörder ohne Gesicht„) auf dem Buckel. Fünf Jahre ist es schon her, daß Tochter Linda Wallander in die Fußstapfen des Vaters trat („Vor dem Frost„), auch das schon ein Versuch, den Alten literarisch aufs Abstellgleis zu schieben.

Trotzdem steht Kommissar Wallander also in „Der Feind im Schatten“ tapfer wieder auf und kämpft gegen das Böse, diesmal vertritt er die Sache seines Schwiegersohns in spe. Die Geschichte rankt sich um den wahren Hintergrund sowjetischer U-Boote, die sich in den 80er Jahren vor Stockholms Schären herumdrückten, der Leser mag sich erinnern, der „Krimi“ ist eher ein Spionagethriller und nimmt eine ganz andere Wendung.

Auch die Geschichte ist ganz anders geschrieben als frühere Wallanders, man merkt deutlich, daß sich der Autor weiter entwickelt hat. – Zum Guten, denn die Charaktere sind dichter, intensiver beschrieben, man fühlt sich viel besser in Wallander hinein, seine Angst vor dem Alter und dem großen Nebenthema Demenz, die den Kommissar schon zu Berufszeiten zu umfassen beginnt. Aber nicht nur zum Guten, denn Mankell bedient das Thema „Fandom“ mit einer Vielzahl von Selbstreferenzen: Wallander kann nicht an der Rezeption des Polizeireviers vorbeigehen, ohne an Ebba zu denken, die dort eben nicht mehr sitzt, er läßt eine Herdplatte an, die Feuerwehr muß ausrücken, und prompt kommt Brandmeister Edler, als gäbe es in ganz Schonen nur einen einzigen Löschzug, und als absolute Überhöhung taucht sogar Baiba Liepa aus der Vergangenheit auf, um sich krebsleidend vom alten Geliebten zu verabschieden. Und Mankell benutzt die neu gewonnene Fähigkeit, um zu alten Fällen zurückzukehren und neu zu beschreiben, was Wallander damals fühlte, schreibt sozusagen seine eigene literarische Geschichte neu. Das ist für einen echten Fan wie mich spannend zu lesen, aber es ist auch Geschichtsklitterung und fühlt sich irgendwie an, als wäre er sich seiner eigenen Sache nicht sicher.

Naja. Für echte Fans natürlich ein must read, und ganz klar kein Verlust. Nur – ein John le Carré ist Henning Mankell nicht.

Zum Schluß was Lustiges: Viele Schauspieler haben Kurt Wallander schon gespielt, zuletzt und von Weltrang Kenneth Branagh, den Mankell in der Rolle schätzt, ich aber nicht. Gelesen im neuesten Hörbuch wird er von Axel Milberg – den hatte ich dagegen in meinem Kopfkino von Anfang an als Bild vor Augen, denn man macht sich ja Bilder zu Büchern, auch lange bevor Filme dazu gemacht werden.

Stieg Larsson: Verblendung, Verdammnis, Vergebung

Es ist eine lange Trilogie, nach der die einen „mehr davon!“ schreien, die anderen auch schon mal „das ist jetzt genug davon“. Doch das Geschrei ist müßig: Stieg Larsson wird nicht nachliefern, er starb, bevor er den Höhepunkt seines internationalen Ruhms erlangte. Seine Schwedenkrimis um das ungleiche und unfreiwillige Paar aus dem Enthüllungsjournalisten Mikael „Kalle“ Blomkvist und der Hackerin mit dunkler Vergangenheit Lisbeth Salander aus Stockholm sind lesenswert, bemerkenswert detailliert, aber auch erschreckend brutal. Wer nach dem ersten Band meint, das sei genug, der hat die letzte Chance, auszusteigen, denn die Bände 2 und 3 sind eine zusammenhängende Geschichte – eigentlich, wie man am Ende sieht, alle drei, aber Band 1 hat wenigstens noch einen eigenen Schluß.

Für uns war es die rechte Ferienlektüre, in Stockholm hätten wir sogar Stieg-Larsson-Touren machen können, aber auch so: Ach, das ist Söder, da lebt also Lisbeth, hier am T-Centralen soll es also einen sehr guten Börek geben…

Stieg Larsson "Verblendung" Stieg Larsson "Verdammnis" Stieg Larsson "Vergebung"