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Hier geht es um den eigentlichen, mehr oder minder kreativen Schaffensprozeß

Schwebefähren können nicht sinken

Wenn ich als Möchtegern-Romanautor eins in der Schublade habe, dann sind das angefangene Romane. Für einen aufsehenerregenden Anfang braucht es etwas, das einem das „wahre Leben“ nicht so schnell nachmachen kann.

Denkt man. Für meinen Roman über einen fiktiven Rendsburger Kriminalkommissar, Nachfahre meines realen Ur-Urgroßvaters, des Rendsburger Polizeikommissars Carl Arbs, hatte ich mir 2008 einen richtigen Knall ausgedacht: ein russischer Tanker kollidierte mit der Schwebefähre der Rendsburger Eisenbahnhochbrücke. Der estnische Rudergänger verschwand – ging er bei der Kollision über Bord, oder war er abgehauen und hatte den Zusammenprall damit erst ausgelöst?

russicher Frachter und Rendsburger Schwebefähre
russischer Frachter passiert Rendsburger Schwebefähre, eigenes Bild, 2006

Kann man sich nicht ausdenken, oder? Tja. Am 8. Januar kollidierte die Fähre mit dem Frachter „Evert Prahm“. Der einzige Passagier, ein Radfahrer, stürzte an Deck und wurde von seinem Fahrradhelm vor schweren Verletzungen bewahrt (SHZ-Artikel mit einem tollen Video). Die über 100 Jahre alte Fähre soll wieder hergestellt werden, wird aber wohl für wenigstens ein Jahr ausfallen.

Die „Toyvo Vyakhya“, ein russischer Küstentanker, glitt durch die Abenddämmerung des Nord-Ostsee-Kanals. Der Kapitän schnarchte in seiner Kabine, man mochte es einen Schlaf der Gerechten nennen: Vor einer Stunde hatte ihn sein Matrose am Ruder abgelöst, und er hatte vergleichsweise wenig Wodka intus. Schiffe wie seins hatte die sowjetische Handelsmarine wie vom Fließband in die Ostsee hinausgeschickt, langgezogene, blecherne Schuhkartons, mit groben Holzbalken zum Abfendern der kleineren Kollisionen des Alltags benagelt. Einzelne hatten die glorreichen Zeiten des Kommunismus überdauert – sie hatten schon damals bessere Zeiten gesehen – und tuckerten heute noch zwischen St. Petersburg, das sie noch als Leningrad kannten, und Schweden, Dänemark oder Deutschland hin und her.

Die einsetzende Dämmerung begann die Sicht zu beeinträchtigen. Die recht voraus auftauchende Schwebefähre an der Rendsburger Eisenbahnhochbrücke hätte der Junge am Ruder trotzdem nicht übersehen können, denn sie war beleuchtet wie ein Weihnachtsbaum. Doch das Ruder war mit einem Holzkeil festgestellt, niemand war auf der Brücke.

Als ich vor der Polizeiinspektion gerade in meinen Wagen steigen wollte, hörte ich die Sirenen der Feuerwehr, die wenige hundert Meter hinter mir zum Kanal hin aufbrach. Offensichtlich die volle Besetzung. Ich zögerte, überlegte, kehrt zu machen und mich nach dem Grund zu erkundigen, entschied mich aber dagegen. Unfälle sind nicht meine Sache. Feierabend.

Doch ich war noch nicht weit gefahren, als mein Handy klingelte. Es war der junge Beamte, den ich eben noch am Empfangstresen passiert hatte. „Sie sollten auch mit zur Schwebefähre fahren. Die Kollegen von der Feuerwehr haben einen Notruf, der uns auch betreffen könnte. Es gab eine Havarie mit einem russischen Tanker. Ölunfall. Aber außerdem eine vermisste Person.“

Ein gespenstisches Bild bot sich im flackernden Blaulicht. Der Tanker hatte den Brückenpfeiler knapp unterhalb der Rampe für die Schwebefähre gerammt. Die Fähre hatte wohl gerade abgelegt, sie hing an ihren Stahltrossen wenige Meter von der Rampe entfernt wie eine Marionette, die vom Puppenspieler zurückgelassen worden war. Etliche Autos standen auf ihrem Deck, und man konnte die aufgeregten Fahrgäste sehen, die dort hilflos ausharren mussten.

Eine Schwebefähre ist eigentlich kein Schiff, sondern einfach eine Plattform, die an Tauen hängend unter einer Brücke hin- und hergezogen wird. Weil sie aber eine Wasserstraße kreuzt, unterliegt sie den gleichen Beleuchtungs- und Verkehrsvorschriften, als würde sie auf dem Wasser schwimmen. Die Rendsburger Eisenbahnhochbrücke und ihre Schwebefähre stammten von 1911, und beide Teile des Bauwerks waren immer noch in Betrieb.

Auf dem Wasser war das kleine Boot der Feuerwehr beschäftigt, eine Ölsperre um den Tanker zu legen, aber es war zu sehen, dass sie nicht ausreichte. Zu viel Öl trat aus. Der ganze Rest der Feuerwehrleute, das sah ich sofort, war nicht mit dem Schiff beschäftigt, sondern suchte nach Personen im Wasser. Es fehlte also jemand von der Besatzung. Ich trat zum Einsatzleiter, der an seinem kleinen Bus lehnte und gerade telefonierte. Er begrüßte mich und kam sofort zur Sache: „Das ist gerade noch mal gut gegangen für die Menschen auf der Fähre. Der Fährmann sah die Havarie kommen und legte sofort ab, einen Augenblick später rammte das Schiff genau die Anlegestelle. Aber wir haben Sie aus einem anderen Grund gerufen. Der Rudergänger fehlt.“ – „Ist er bei der Havarie über Bord gegangen? Er war doch wohl auf der Brücke?”

„Das ist genau das Problem“ antwortete mir Paul Hansen. Der erfahrene Feuerwehrmann war sicher zu demselben Schluss gekommen, dass die Erschütterung, die durch einen auflaufenden Tanker lief, nicht reichen würde, um einen Mann aus dem geschlossenen Ruderhaus herauszukatapultieren. Er würde allenfalls stürzen und vielleicht nach der Havarie orientierungslos an Deck herumirren. Aber das war es auch nicht: „Der Kapitän sitzt da drüben. Er ist sturzbetrunken, aber er sagt, dass er die Flasche erst nach dem Unglück geleert hat, und ich glaube ihm. Er sagt, er hat auf der Brücke nur ein festgestelltes Ruder gefunden, von dem jungen Mann, ein Este, keine Spur. Er glaubt, dass der Mann mal eben pinkeln war, und das Schiff auch auf der kurzen Geraden zu weit vom Kurs abkam. Als es dann krachte, hätte der Typ wohl die Panik gekriegt und sei abgehauen. Wenn’s stimmt, müssen Sie ihn an Land suchen, nicht wir im Wasser. Wir haben sowieso genug mit dem Öl zu tun. Der Wind treibt es zurück zur Eider, und mit unserem kleinen Boot können wir es nicht aufhalten. Wir brauchen das große Ölbekämpfungsschiff aus Kiel, und das ist noch unterwegs. So lange stehen wir hier mit den Händen in den Hosentaschen.“

Mein Anfang ist damit natürlich „verbrannt“, und ich muss mir alles neu ausdenken. Denn das glaubt mir ja wieder kein Mensch.

Hinterheiabettzimmer und ISBN

Wer viel liest und auch gern schreibt, ob er nun bloggt oder was mit Social Media macht, hat nicht selten auch Ambitionen, sich richtig Schriftsteller nennen zu können. Ich nehme mich da nicht aus. Ich nenne einen Ordner Romanentwürfe mein Eigen, er enthält etliche Synopsen, erste Kapitel, ein paar zweite, viel zu wenige dritte. Auch Versuche, den Druck zu erhöhen, wie NaNoWriMo, ein November, bei dem man sich gegenseitig anspornt, eine Story in einer Wortzahl durchzupeitschen, die eigentlich nur mit Vollzeit zu schaffen ist, gingen vorbei.

Nun aber habe ich eine ISBN. Genau genommen bin ich Teil eines Gesamtwerks, Nr. 175 von derzeit 246, am eBook 1000 Tode schreiben von Christiane Frohmann. Es ist eine Sammlung von Kurzgeschichten zum Thema Tod. Und ich fand darin genug Grund, ein paar Worte zu lancieren, die mein Leben begleiteten:

  • Hinterheiabettzimmer
  • Kästeklippen
  • Leutaschklamm

Zwei sind in Google Maps. Eines nicht. Dabei könnte ich jeden Zentimeter dieses Zimmers beschreiben, das es so nicht mehr gibt, seit ich zehn war. Hier stelle ich also vor: meinen Opa.

„Wie geht es ihm?“ – „Moin. Na, er ist verstorben.“ Die psychologische Schulung Hamburger Rettungswagensanitäter ist ausbaufähig.

Das ist es natürlich nicht, was ich denke in diesem Augenblick. Der Vermieter meines Großvaters hatte uns angerufen, und den Notarzt gleichzeitig. Mein Vater und ich rasten zu seiner Wohnung, und dies war der Dialog zur Begrüßung, als wir ankamen und die beiden Männer gerade wieder ihren RTW bestiegen. Ihr Job war bereits erledigt. Unser Tag fing erst an.

Rückblick. Ein Samstag im September 1989, ich bin ein junger Erwachsener, Opa war bis gerade ein rüstiger Senior von 99 Jahren. Bis Dienstag war er bei bester Gesundheit gewesen. Eigentlich stehen die Bilanzen nicht schlecht, ein langes, erfülltes Leben und ein kurzer, gnädiger Tod.

Tieferer Rückblick. Der kleine Thomas freute sich am meisten auf die Sonntage bei Opa, er durfte im Hinterheiabettzimmer schlafen, im Flur der Altbauwohnung mit den hohen Decken war eine lange Schaukel montiert, und am Sonntagmorgen ging es oft ins Planetarium im Wasserturm oder zum Schwimmen in den Stadtparksee. Der mittelgroße Thomas reiste mit Opa in den Harz oder nach Mittenwald, sie stiegen auf die Kästeklippen, wanderten am Dammgraben oder nahmen die Seilbahn auf den Karwendel, stiegen in die Leutaschklamm. Ein alter Mann mit einem Stock, der noch überall hinkam, die Leute guckten neugierig, dabei sahen sie ihm gar nicht an, wie alt er in Wirklichkeit war.

Zwischen dem kleinen Thomas und dem mittelgroßen lag ein Ereignis. Zehn Jahre war Thomas alt, Opa 88, als der Krebs ihn fällte. Es war eine seltene Ausprägung, vor allem aber „war er ja schon alt“, kaum ein Arzt räumte ihm Hoffnung ein. Sie hatten ihre Rechnung ohne einen Menschen gemacht, der zwei Weltkriege überlebt hatte, zwei Ehefrauen und zwei Söhne, der seit seinem 26. Lebensjahr mit einer Kriegsbehinderung lebte. Als es ihm richtig dreckig ging, erzählt Vater erst viel später, sagte Opa auch, er wolle nicht mehr leben. Wollte er dann aber doch. Als Opa ein halbes Jahr später nach einer Operation nach Hause ging, kaufte er sich erst einmal ein neues Fahrrad. Die folgenden elf Jahre sind Geschichte, zumindest für Thomas, den Enkel. Eine Kindheit und Jugend ohne diesen Großvater? Unvorstellbar.

Zurück zum Samstag. Zu den Formalitäten, die man niemand wünscht, gehören zwei verständnisvolle Polizisten, auf deren Anruf der Notarzt bestanden hat, und ein fischkalter Hausarzt. Kühl sagt er uns, dass der Krebs Opa wieder eingeholt hatte, habe er schon seit einem halben Jahr gewusst, aber niemand etwas gesagt, denn es sei ja klar gewesen, dass da nichts mehr zu machen war. „Er war ja schon alt.“

Ich kann an keiner Diskussion über das Altern in Würde und die Grenzen des Lebens teilnehmen, ohne daran zu denken, was gewesen wäre, wenn die einen Ärzte beim ersten Mal – scheinbar mit jeder Berechtigung! – genauso gedacht hätten wie der andere beim zweiten.

Müsli

Der Widerschein des Blaulichts schien noch an den Fassaden zu kleben, obwohl der Notarztwagen und die meisten Polizeifahrzeuge schon wieder abgerückt waren. Die Rendsburger Fußgängerzone lag wieder still im Dunkel der Nacht, nur der Kombi von Hauptkommissar Arbs stand noch vor dem Haus, in dem die Lichter heute nacht nicht ausgehen würden.

Oben stakste der Kommissar durch die Wohnung, vorbei an den zahllosen Markierungen, die die Frauen und Männer von der Spurensicherung aus Schleswig hinterlassen hatten. „Seine“ Tote war bereits abgefahren worden, sie würde die Nacht in einer gekühlten Schublade verbringen. Er schaute sich um. Musikinstrumente, Noten und eine umfassende Sammlung klassischer – und gleichzeitig altmodisch wirkender – Schallplatten bestätigten ihm, was er schon wußte: eine junge Musikerin hatte hier gelebt. Ein Silent-Piano, ein Instrument, mit dem man üben kann, ohne Anstoß bei den Nachbarn zu erregen, war der herausragendste Beweis.

Doch das war nur die eine Hälfte des Lebens der jungen Frau. Der Kommissar sah auch den noch eingeschalteten Laptop auf der Küchentischkante, einen teuren Apple, im Webbrowser waren eine Vielzahl von Seiten sozialer Netzwerke geöffnet. Daneben lag ein Polaroid, es zeigte eine Flasche Bier und eine Schale Müsli, stumme Boten einer Henkersmahlzeit, die dort vorhin noch gestanden hatten. Natürlich hatten die Kollegen diese Lebensmittel fotografiert und dann mit ins Labor genommen.

Denn es war wohl entweder ein perfider Mord oder eine banale Lebensmittelvergiftung gewesen, die die Musikerin vom Küchentisch auf den Stahltisch der Gerichtsmedizin gebracht hatte, nachdem ihre vernetzten, „virtuellen“ Freunde den Notruf alarmiert hatten. Es hatte eine Weile gedauert, der Anrufer kam aus Düsseldorf und wußte zunächst gar nicht, wo sich seine Gesprächspartnerin in Gefahr befand, aber daß sie sich in Gefahr befand, hatte er mitbekommen. Am Ende kam der Arzt zu spät.

Es ist mal wieder so weit, der Autor sattelt sein Pferd und versucht, dem Leben des Rendsburger Hauptkommissars neuen Schwung zu geben. Die letzte Story ist irgendwie versandet, sie hatte leider auch noch nie ein Ende, auch nicht in meinem Kopf, das war eins der großen Probleme. Diese hat eins, ich verdanke es einer befreundeten Bloggerin. Ich denke übrigens über eine Hörspieladaption nach, denn das ist bei ihr gerade Thema.

2

Früh am nächsten Morgen fand ich mich in der kleinen Kriminalpolizeistelle der Rendsburger Polizeiinspektion ein. Schlaf hatte ich wenig gefunden, denn unser Haus liegt nahe am Kanalufer, und der Ölgeruch trieb zu uns herüber. Außerdem hatte ich den ganzen Abend damit verbracht, unsere Kinder zu beruhigen, daß die Eiderenten nicht besonders gefährdet sein würden, weil es ja keine direkte Verbindung zwischen Eider und Kanal gibt, wenn auch nur der Damm mit der Straße dazwischen liegt.

Jetzt las ich den vorläufigen Bericht der Feuerwehr noch einmal durch. Es stand wenig genug drin: Das Schiff war ohne äußere Einwirkung mit der Uferbefestigung kollidiert, Grund war menschliches Versagen, genauer gesagt das Verschwinden der Wache, so weit ungeklärt. Ob der Mann vor der Kollision verschwunden war oder erst danach, war für mich die entscheidende Frage: Hatte er die Sache fahrlässig herbeigeführt und war dann geflohen, oder war Absicht im Spiel? Hatte ihn jemand aus dem Weg geschafft, gab es vielleicht einen Streit mit einem anderen Besatzungsmitglied?

Ich mußte einen Dolmetscher aus Neumünster beschaffen, um die Besatzung vernehmen zu können. Zu spät bedachte ich, was mir Hansen gesagt hatte: daß der Verschwundene Este gewesen war, denn das war, wie ich alsbald herausfand, die ganze Besatzung bis auf den Kapitän. Nur mit ihm konnte sich unser Dolmetscher auf russisch unterhalten. Das Estnische ist dem Finnischen verwandt, und der Kapitän des Tankers hatte sich mit seiner eigenen Besatzung nur in englischen Brocken über das Nötigste verständigen können. Der arme Teufel tat mir leid. Er war verzweifelt und völlig ratlos, was den Unglückshergang betraf. Immerhin konnte er mir mehr zu dem Verschwundenen erzählen: Der war nämlich erst auf dieser Fahrt zugestiegen, auf Empfehlung des zweiten Esten, als der einzige weitere Russe an Bord, der eigentlich Maschinist war, mit einer Blinddarmentzündung in einem Krankenhaus in Danzig zurückgelassen werden mußte. Der junge Mann war wie zufällig aufgetaucht, er hatte ein gültiges Seemannsbuch und einen Paß gehabt, und das war viel. Ein bald 25 Jahre alter Tanker unter russischer Flagge war nicht eben ein Arbeitsplatz, für den Bewerber Schlange standen.

Nach Antwerpen hätte die Fahrt gehen sollen. Daraus wurde nichts. Mein russischer Gast würde alsbald nirgendwo hingehen, sein Schiff war manövrierunfähig, und wer weiß, was die Reederei veranlassen würde. Es war leicht denkbar, daß der Russe alles liegen lassen und nach Hause zurückkehren würde, deshalb ließ ich sicherheitshalber seinen Paß einziehen. Dann telefonierte ich wieder mit Neumünster, um zu erfahren, daß ein estnischer Dolmetscher erst gesucht werden müsse. Vor mir lag der Paß des estnischen Matrosen, Arvo Pärnu, jünger als das Schiff, auf dem er fuhr, ein nichtssagendes Gesicht auf einem kaum erkennbaren Foto. Würde er nicht abgerissene Arbeitskleidung tragen und nach Öl riechen, würde ich ihn vermutlich nicht erkennen, wenn er in der Bäckerei in der Schlange vor mir stünde. Und außer genau diesen Fakten hatte ich keinen Anhaltspunkt, wo ich nach ihm suchen sollte.

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Die „Toyvo Vyakhya“, ein russischer Küstentanker, glitt durch die Abenddämmerung des Nord-Ostsee-Kanals. Der Kapitän schnarchte in seiner Kabine, man mochte es einen Schlaf der Gerechten nennen: Vor einer Stunde hatte ihn sein Matrose am Ruder abgelöst, und er hatte vergleichsweise wenig Wodka intus. Schiffe wie seins hatte die sowjetische Handelsmarine wie vom Fließband in die Ostsee hinausgeschickt, langgezogene, blecherne Schuhkartons, mit groben Holzbalken zum Abfendern der kleineren Kollisionen des Alltags benagelt. Einzelne hatten die glorreichen Zeiten des Kommunismus überdauert – sie hatten schon damals bessere Zeiten gesehen – und tuckerten heute noch zwischen St. Petersburg, das sie noch als Leningrad kannten, und Schweden, Dänemark oder Deutschland hin und her.

Die einsetzende Dämmerung begann die Sicht zu beeinträchtigen. Die recht voraus auftauchende Schwebefähre an der Rendsburger Eisenbahnhochbrücke hätte der Junge am Ruder trotzdem nicht übersehen können, denn sie war beleuchtet wie ein Weihnachtsbaum. Doch das Ruder war mit einem Holzkeil festgestellt, niemand war auf der Brücke…

Als ich vor der Polizeiinspektion gerade in meinen Wagen steigen wollte, hörte ich die Sirenen der Feuerwehr, die wenige hundert Meter hinter mir zum Kanal hin aufbrach. Offensichtlich die volle Besetzung. Ich zögerte, überlegte, kehrt zu machen und mich nach dem Grund zu erkundigen, entschied mich aber dagegen. Unfälle sind nicht meine Sache. Feierabend. Meine zwei Kleinen warteten auf mich.

Doch ich war noch nicht weit gefahren, als mein Handy klingelte. Es war Johann Warnken, der junge Beamte, den ich eben noch am Empfangstresen passiert hatte. „Sie sollten auch mit zur Schwebefähre fahren. Die Kollegen von der Feuerwehr haben einen Notruf, der uns auch betreffen könnte. Es gab eine Havarie mit einem russischen Tanker. Ölunfall. Aber außerdem eine vermißte Person.“ Mist. Kein Feierabend. Ich hätte in zwei Minuten unten an der Brücke sein können, hätte ich nicht gerade heute meinen neuen Wagen in Empfang genommen. Nutzlos lag das Aufsetzblaulicht auf dem Beifahrersitz – es war noch kein Anschluß eingebaut. Mist.

Unter Beachtung der Verkehrsvorschriften brauchte ich fünf Minuten, ehe ich an der Brücke ankam. Ein gespenstisches Bild bot sich im flackernden Blaulicht. Der Tanker hatte den Brückenpfeiler knapp unterhalb der Rampe für die Schwebefähre gerammt. Die Fähre hatte wohl gerade abgelegt, sie hing an ihren Stahltrossen wenige Meter von der Rampe entfernt wie eine Marionette, die vom Puppenspieler zurückgelassen worden war. Etliche Autos standen auf ihrem Deck, und man konnte die aufgeregten Fahrgäste sehen, die dort hilflos ausharren mußten.

Eine Schwebefähre ist eigentlich kein Schiff, sondern einfach eine Plattform, die an Tauen hängend unter einer Brücke hin- und hergezogen wird. Weil sie aber eine Wasserstraße kreuzt, unterliegt sie den gleichen Beleuchtungs- und Verkehrsvorschriften, als würde sie auf dem Wasser schwimmen. Die Rendsburger Eisenbahnhochbrücke und ihre Schwebefähre stammten von 1911, und beide Teile des Bauwerks waren immer noch in Betrieb.

Auf dem Wasser war das kleine Boot der Feuerwehr beschäftigt, eine Ölsperre um den Tanker zu legen, aber es war zu sehen, daß sie nicht ausreichte. Zu viel Öl trat aus. Der ganze Rest der Feuerwehrleute, das sah ich sofort, war nicht mit dem Schiff beschäftigt, sondern suchte nach Personen im Wasser. Es fehlte also jemand von der Besatzung. Ich trat zum Einsatzleiter, der an seinem kleinen Bus lehnte und gerade telefonierte. Er begrüßte mich und kam sofort zur Sache: „Das ist gerade noch mal gut gegangen für die Menschen auf der Fähre. Der Fährmann sah die Havarie kommen und legte sofort ab, einen Augenblick später rammte das Schiff genau die Anlegestelle. Aber wir haben Sie aus einem anderen Grund gerufen. Der Rudergänger fehlt.“ – „Ist er bei der Havarie über Bord gegangen? Er war doch wohl auf der Brücke?“

„Das ist genau das Problem,“ antwortete mir Paul Hansen. Der erfahrene Feuerwehrmann war sicher zu demselben Schluß gekommen, daß die Erschütterung, die durch einen auflaufenden Tanker lief, nicht reichen würde, um einen Mann aus dem geschlossenen Ruderhaus herauszukatapultieren. Er würde allenfalls stürzen und vielleicht nach der Havarie orientierungslos an Deck herumirren. Aber das war es auch nicht: „Der Kapitän sitzt da drüben. Er ist sturzbetrunken, aber er sagt, daß er die Flasche erst nach dem Unglück geleert hat, und ich glaube ihm. Er sagt, er hat auf der Brücke nur ein festgestelltes Ruder gefunden, von dem jungen Mann, ein Este, keine Spur. Er glaubt, daß der Mann mal eben pinkeln war, und das Schiff auch auf der kurzen Geraden zu weit vom Kurs abkam. Als es dann krachte, hätte der Typ wohl die Panik gekriegt und sei abgehauen. Wenn’s stimmt, müßt ihr ihn an Land suchen, nicht wir im Wasser. Wir haben sowieso genug mit dem Öl zu tun. Der Wind treibt es zurück zur Eider, und mit unserem kleinen Boot können wir es nicht aufhalten. Wir brauchen das große Ölbekämpfungsschiff aus Kiel, und das ist noch unterwegs. So lange stehen wir hier mit den Händen in den Hosentaschen.“

Ich versuchte den Kapitän zu vernehmen, aber es gelang mir nicht, viel mehr aus ihm herauszubekommen, als daß er Dmitrij hieß. Er war betrunken und völlig hysterisch, und konnte nur brockenweise Englisch sprechen. Ich würde ihn morgen mit einem Dolmetscher vernehmen müssen.

Außer dem Kapitän und dem jungen Matrosen war noch ein erfahrener Seemann und eine alte Frau an Bord gewesen. Der dritte Mann hatte sich um die Maschine gekümmert, die Frau um das Kochen. Keiner konnte weitere Angaben machen, alle waren unter Deck gewesen. Sie waren außerdem alle betrunken.

nanowrimo08

Hey, der November ist der National Novel Writing Month! nanowrimo.org treibt uns schreibfaule Möchtegernautoren an, einen Monat lang jeden Tag einen Text zu schreiben, und ihn möglichst gleich zu bloggen. Wow, leider bin ich drei Tage zu spät am Start, und habe eine Woche Urlaub im November, da werde ich wohl kein druckreifes Werk zum Ultimo hinlegen können. Auch bin ich unsicher, einzelne Schreibakte unredigiert gleich zu veröffentlichen, das aber ist Bedingung im Sinne dieses Webprojekts.

Aber egal, ich werde es mal versuchen und mein Projekt reaktivieren.

Reiseführer: Gibt’s schon?

Nein, gibt’s noch nicht. Genau das, was wir vorhaben zu schreiben, gibt es auf dem deutschen Buchmarkt noch nicht. Es gibt aber ein paar nützliche Büchlein: Da wäre z. B. Kerstin Micklitza, Wandern mit Kind, ein praktisches Minibuch, das sich mit dem Kindertransport auf jeder Art von Fortbewegung, aber eben nicht speziell dem Rad, befaßt. Und unsere Nachbarn haben tatsächlich Theo Jorna, Fietsen met Kinderen, (Holcus, 9080700517), leider nicht über Amazon beziehbar, und leider natürlich falschsprachig. Und ein ganzes Buch lang tu‘ ich mir diese Sprache nicht an.

Ein Reiseführer?

Als wir 2003 mit dem Fahrrad durch Schweden reisten, lasen wir Wolfgang Kettlers „Südschweden per Rad“ und lernten viel daraus. Wir lernten auch, daß es praktisch kein weiteres Werk gab, das sich neben dieses gute, aber nicht etwa perfekte stellte.

Diesmal reisten wir mit zwei Kindern im Fahrradanhänger und einem Zelt durch die Niederlande – und da soll man nichts zu erzählen haben? Oh doch – schaut mal hier.

Auch diese Reise war eine absolute Nischenreise, wir trafen erstaunlich wenig Gleichgesinnte. Das brachte uns auf den Plan, unseren Reisebericht, angereichert mit allerlei gemachten Erfahrungen, in Buchform zu bringen. Wir können uns gut vorstellen, daß er seine Leserschaft finden wird – auch wenn es etwas ganz anderes ist als ein Rendsburg-Krimi…

What if – vorbei

Der Kurzgeschichtenwettbewerb „Visionen der Informationsgesellschaft“ ist vorbei. Die Juroren krönten Bio-Nostalgie, eine Geschichte, die ich ziemlich ungnädig abkanzelte – vor allem wegen der Schreibweise „Terrablock“ für Hirnspeicher, die ich für eine orthographisch mißglückte Anlehnung an Terabyte hielt, während ihre Anspielung ans Erdverbundene in Wahrheit vielleicht ein versteckter Wortwitz war, der nur an mir vorbeiging. Na gut.

Das Publikum dagegen wählte meinen Favoriten! Die breite Masse scheint der gleichen Meinung zu sein wie ich. Ist das gut oder schlecht? Geschmackssache…

What if – what next?

Der Wettbewerb ist vorbei, auch ohne mein Zutun, und die Jury hat zehn Werke ausgewählt, über die wir abstimmen sollen. Ich habe einige gelesen, einige überflogen, und bin vom Gros eher nicht begeistert. Es ist dieses unangenehme Gefühl, wenn man sieht, daß man selbst etwas mindestens genauso gut hinbekommen hätte, aber zugeben muß, daß die anderen einem vor allem eins voraus haben: Sie haben es einfach getan.

Meine Wertungen:

  • Aimée: Herr im eigenen Haus – Der Autor beschreibt die Zukunft seines Haushalts. Ungeeignete Wortwahl bei der Beschreibung zukünftiger Haushaltsgeräte: Brain-Interface, Domizilrechner, Elektromobil. Dann soll es erotisch werden, und das gelingt ihm vollends nicht, seine Sätze werden hölzern, man sieht ihn förmlich beim Schreiben rot werden. Habe ich nicht zu Ende gelesen.
  • Aus der Reihe – Die Ich-Erzählerin hat sich für eine Intellektverstärkung und Gefühlskontrolle entschieden, als sie einen Mann kennen- und liebenlernt, fliegt sie aus dem Projekt raus. Gefällt mir ganz gut.
  • Außendienst – Hier wird die Hörspielform gewählt und auch recht gut durchgezogen. Die Storyline läßt sich gut an, und ist dann ganz plötzlich zu Ende, so als hätte der Autor mit der Zeichenzahl Probleme gehabt.
  • Bio-Nostalgie – Da hat sich jemand in ein Mädchen aus einem Werbespot verliebt, und schaut sich nix anderes mehr an. Vielleicht gar nicht so schlecht, aber wer nicht weiß, wie man Terabyte schreibt, sollte nicht Science Fiction als Thema wählen. Nicht zu Ende gelesen.
  • Clone – Ein Werk auf englisch, während anscheinend deutsch die Muttersprache des Autors ist. Ich muß hier kurz zugeben: ich hatte meine Geschichte auch auf englisch angefangen, aber hoffentlich besser. Das Problem heißt BSE (bad simple English, eine verkürzte Sprache ohne Rafinesse).
  • Der Circus lauert ÜberAll – Die Überschrift gibt das Thema vor, hier wird mit Sprache gespielt, daß sich die Balken biegen. Rappen à la MTV, nur auf die Dauer liest sich das sehr anstrengend, deshalb nicht zum Ende geschafft. Erinnert entfernt an Douglas Adams, Zaphod Beeblebrox hätte hier gut in die Runde gepaßt. Ich mochte „legt … den Hebel um und schaltet auf ‚High Voltaire‘.“
  • Der Unterhaltungskubus – Das ist mal eine nette Geschichte, und auch in nettem Stil geschrieben. Der Kubus erinnert mich ziemlich an den Foltertank aus Tom Clancy’s „Cardinal of the Kremlin“, er wurde aber einer nützlichen Verwendung zugeführt. Aber das schlechte Schriftdeutsch! Adjektive groß und Anrede-Sie klein, die Kommata wahllos verstreut – ich mußte mal eine Diplomarbeit korrekturlesen, die vom selben Verfasser hätte sein können…
  • Infogeddon – Mein Favorit. Die Schreibe ist sauber, und die Geschichte kurz und pointiert, und anders als der letze kann dieser Autor deutsch.
  • Nanotransgen – habe ich nur überflogen. Es ist spät, und es ist zumindest nicht sehr gut.
  • Todesursache I.O. – Die dritte gute Geschichte. Aber meine Wahl kann sie nicht umstoßen, es tut mir leid für den Autor, aber es ist einfach zu spät.