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Der Feind im Schatten – Wallanders Reichenbachfälle

Wer in der Krimiliteratur zu Hause ist, erinnert sich (wenn auch sicher nicht persönlich, das war 1893, mein Opa gerade drei Jahre alt) an Sir Arthur Conan Doyle, der, genervt vom Ruhm seines Serienstars, versuchte, Sherlock Holmes in den Schweizer Reichenbachfällen ertrinken zu lassen. Es gelang nicht, Holmes feierte seine Auferstehung und löste weiter seine Fälle. Auch der schwedische Erfolgsautor Henning Mankell scheint seines Kommissars Kurt Wallander überdrüssig. Längst hat er mit den Titeln über sein Herzensthema Afrika eine zweite literarische Karriere, und bedient auch das Genre Schwedenkrimi außerhalb von Ystads engen Grenzen („Die italienischen Schuhe„). Mehr als zehn Jahre haben die ersten Titel der Wallander-Reihe („Mörder ohne Gesicht„) auf dem Buckel. Fünf Jahre ist es schon her, daß Tochter Linda Wallander in die Fußstapfen des Vaters trat („Vor dem Frost„), auch das schon ein Versuch, den Alten literarisch aufs Abstellgleis zu schieben.

Trotzdem steht Kommissar Wallander also in „Der Feind im Schatten“ tapfer wieder auf und kämpft gegen das Böse, diesmal vertritt er die Sache seines Schwiegersohns in spe. Die Geschichte rankt sich um den wahren Hintergrund sowjetischer U-Boote, die sich in den 80er Jahren vor Stockholms Schären herumdrückten, der Leser mag sich erinnern, der „Krimi“ ist eher ein Spionagethriller und nimmt eine ganz andere Wendung.

Auch die Geschichte ist ganz anders geschrieben als frühere Wallanders, man merkt deutlich, daß sich der Autor weiter entwickelt hat. – Zum Guten, denn die Charaktere sind dichter, intensiver beschrieben, man fühlt sich viel besser in Wallander hinein, seine Angst vor dem Alter und dem großen Nebenthema Demenz, die den Kommissar schon zu Berufszeiten zu umfassen beginnt. Aber nicht nur zum Guten, denn Mankell bedient das Thema „Fandom“ mit einer Vielzahl von Selbstreferenzen: Wallander kann nicht an der Rezeption des Polizeireviers vorbeigehen, ohne an Ebba zu denken, die dort eben nicht mehr sitzt, er läßt eine Herdplatte an, die Feuerwehr muß ausrücken, und prompt kommt Brandmeister Edler, als gäbe es in ganz Schonen nur einen einzigen Löschzug, und als absolute Überhöhung taucht sogar Baiba Liepa aus der Vergangenheit auf, um sich krebsleidend vom alten Geliebten zu verabschieden. Und Mankell benutzt die neu gewonnene Fähigkeit, um zu alten Fällen zurückzukehren und neu zu beschreiben, was Wallander damals fühlte, schreibt sozusagen seine eigene literarische Geschichte neu. Das ist für einen echten Fan wie mich spannend zu lesen, aber es ist auch Geschichtsklitterung und fühlt sich irgendwie an, als wäre er sich seiner eigenen Sache nicht sicher.

Naja. Für echte Fans natürlich ein must read, und ganz klar kein Verlust. Nur – ein John le Carré ist Henning Mankell nicht.

Zum Schluß was Lustiges: Viele Schauspieler haben Kurt Wallander schon gespielt, zuletzt und von Weltrang Kenneth Branagh, den Mankell in der Rolle schätzt, ich aber nicht. Gelesen im neuesten Hörbuch wird er von Axel Milberg – den hatte ich dagegen in meinem Kopfkino von Anfang an als Bild vor Augen, denn man macht sich ja Bilder zu Büchern, auch lange bevor Filme dazu gemacht werden.

Schwedenreise, zweite Hälfte

Es sieht eher so aus, als würde es dieses Jahr kein komplettes Tag-für-Tag Reisetagebuch geben, also schließe ich an die „Zwischenbilanz“ an mit einer Zusammenfassung der zweiten Urlaubshälfte.

Falun, der schöne Campingplatz war uns ja so empfohlen worden. Schön war er auch, aber er hatte zwei Mängel, einen grundsätzlichen und einen nur für uns: Grundsätzlich ist für Zeltcamper vorgesehene Fläche, anderswo „Zeltwiese“ genannt, viel zu klein, fast nonexistent. Nur weil wir auch gerade nur drei Zelte waren, gab es keine Probleme, ansonsten ist der Campingplatz sehr an Wohnwagen und -mobile adressiert. Wahrscheinlich half, daß es weiter nach Norden massentourismusfreier wird und die schwedische Ferienzeit („Semester“) jetzt vorbei war. Für uns wenige war es natürlich schön, wir standen direkt am Seeufer. Und speziell an diesem Wochenende, an dem wir hier waren, war in Falun ein großes Speedbootfestival! Was wir am Samstag tagsüber schon sahen, nämlich daß man über die röhrenden Boote „über den See gehen“ konnte, uferte am Abend in einem Rockkonzert in einem Festzelt oben bei dem Restaurant aus. So saß ich dann um Mitternacht mit einem weinenden Dreijährigen im Arm, Schallschutz einer Zeltwand natürlich null, während es oben wummerte. Schließlich ging ich protestieren, wurde aber beschieden, die Veranstaltung sei angemeldet, da könne man nichts machen. Als wir am nächsten Morgen hohläugig beim Campingwart auftauchten und monierten, er habe uns doch zumindest warnen müssen, sagte er, das habe auch er nicht erwartet. Zumindest die eine Nacht erstattete er uns anständigerweise.

Dalarnapferde
Dalarnapferde

Jedenfalls ging es weiter, nach Mora wollten wir noch, um Dalarnapferden dabei zuzusehen, geschnitzt zu werden, das sollte unser nördlichster Punkt werden. Nusnäs am Siljansee gilt als Wiege dieser Schnitzkunst. Inzwischen begann es sich zu bewölken, die Zeit des schönen Wetters würde langsam enden. Aber die Schnitzereien sind wirklich schön anzusehen, wenn auch drum herum viel Kitsch verkauft wird, lohnt sich der Abstecher. (Zudem werden nördlicher die Straßen knapper, und für unser Ziel, Oslo, empfiehlt sich ohnenhin die Route über Mora.) Mora selbst streiften wir aber ohne Aufenthalt, unser geographisch nördlichster Punkt war eine Umgehungsstraße und wurde ohne Pomp abgehakt, es wurde später Nachmittag und es war Zeit, einen Campingplatz für die Nacht zu finden. Es gibt hier oben durch aus einige, die nicht verzeichnet sind, z. B. Johannisholm, aber wir wollten noch etwas Meilen machen und fuhren bis Malung, inzwischen hatte auch ganz leichter Nieselregen eingesetzt. Malung ist ein ansprechender Platz, schöne Wiesen am See, alle Einrichtungen, aber schlagartig war es Nachsaison, nur ganz wenige Zelte, zusammen mit gelegentlichem Nieseln wirkte das trostlos, wir blieben nur über Nacht.

Am nächsten Morgen setzen wir die Fahrt über – hinter Torsby – kleiner werdende Straßen und die „grüne Grenze“ fort. Nicht einmal ein Schild oder Grenzpfosten sagt uns, daß wir jetzt eine Außengrenze der EU passieren (allerdings trotzdem eine Schengen-Grenze), erst die anders aussehenden Verkehrsschilder vor Kongsvinger machen uns klar, wir sind bereits in Norwegen. Es regnet, und Kongsvinger lädt zu nichts Besonderem ein, so sind wir eher schneller als erwartet in Oslo. Dort campieren wir auf einem der beiden großen Stadtcampingplätze, Ekeberg. Großstadtcamping ist immer Glückssache, und auch Ekeberg ist nicht eben eine Empfehlung wert: großflächige Hangwiesen ohne Strukturen überlassen es dem Einzelnen, ein schönes Plätzchen zu finden oder in einer Matschpfütze zu landen, die Sanitäranlagen sind akzeptabel, aber auch nicht mehr als das. Der Kinderspielplatz ist in unwürdigem Zustand, der Preis horrend: aus irgendeinem Grund zahlt die Kombination PKW/Zelt hier genausoviel wie ein Wohnwagengespann. Ob der zweite große Platz, Bogstad, besser ist, erforschen wir aber nicht.

Schotten im Vigelandpark
Schotten im Vigelandpark

Der Regen ist wieder vorbei, und wir haben bis zur gebuchten Fähre jetzt mehrere Tage Zeit, uns Oslo anzusehen. Da uns hier überwiegend der Vigelandpark mit seinen Skulpturen interessiert, nehmen wir statt einer Touristenkarte wie in Stockholm nur eine Mehrfahrtenkarte für den Nahverkehr, und lassen uns einfach ein bißchen treiben. Originell: Das WM-Qualifikationsspiel Schottland-Norwegen steht ins Haus (die Schotten verloren es nach unserer Abreise 0:4), und die Stadt ist voll mit kilttragenden Schotten. Sie hat einiges Schönes zu bieten, das Auto läßt man, wie eigentlich bei jeder Großstadt, besser draußen: Hier wird eine Citymaut kassiert. Und ein teures Pflaster ist Norwegen: nicht nur sind die meisten Einzelpreise höher als in Schweden, die NOK hat sogar noch einen schlechteren Kurs zum Euro als die SEK.

Jeweils abends ereilt uns ein Gewitter, die Tage können wir aber noch schön genießen. Dann geht es zur Abfahrt auf die „Stena Saga“ nach Frederikshavn, wie schon auf der Hinfahrt wollen wir in einer Kabine die Nacht verbringen. Doch ach! die Überfahrt über das Skagerrak zur dänischen Nordspitze hält eine unschöne Überraschung für uns bereit: in recht schwerer See rollt die „Saga“ heftig, und Mami und Papi werden entsetzlich seekrank. Die Kinder dagegen verschlafen alles, Papi muß sich reuig von dem einen am Abend noch genossenen Bier verabschieden.

In Dänemark angekommen, quälen wir uns leidend von der Fähre. Unserer ausgeschlafenen und gutgelaunten Kinder können wir unmöglich Herr werden, der jetzt noch geplante Tag im Legoland Billund wird abgesagt. Die Kinder sind bemerkenswert gefaßt. Das Versprochene wird nachgeholt werden, das ist sicher. Jetzt aber fährt Papi – und er weiß nicht genau zu berichten, wie – nonstop nach Hamburg und fällt dort ins Bett. Glücklicherweise haben wir dort großelterliche Babysitter… denen übergeben wir auch den Wagen wieder und fahren am letzten Samstag mit der Bahn zurück nach Düsseldorf – kaum anderthalb Stunden verbringen wir auf einem toten Gleis bei Bremen wg. eines Notarzteinsatzes auf den Gleisen, manchmal hat man das Gefühl, Bahnfahren muß immer so sein.

Aber hey, trotz dieses üblen Abschlusses war es ein toller Urlaub, einer an den man gern zurückdenkt!

Schwedenreise – Zwischenbilanz

Falun, ein wunderschöner Campingplatz über dem See (Främby Udde) mit einer gründerzeitlichen Holzvilla als Restaurant, die alles überblickt – hier sitze ich jetzt, am Freitagabend mit einem Mariestads Export in der Hand. Zum ersten Mal seit zwei Wochen habe ich wieder WLAN. Zeit, einen kurzen Zwischenstand wiederzugeben. (Ups, eine Mücke weniger. Sehr gut.)

Rückwärtserzählend spielen Mücken übrigens erst seit gestern abend, seit Gävle, eine Rolle, obwohl man sie doch immer mit dem schwedischen Sommer assoziiert – erst hier, nördlich von Stockholm, haben wir sie überhaupt angetroffen. Jetzt dafür aber umso mehr. Nur ein ziemlich fieses Mittel, dessen Gebrauch Schwangeren und kleinen Kindern nicht angeraten wird, hält sie in Schach. Doch typischerweise erzählt man vorwärts, also:

Etwas abenteuerlich ging es von Düsseldorf nach Sierksdorf, darüber wird im ausführlichen Bericht später mehr zu lesen sein. Dort bestiegen wir am Abend des Samstag, 25.7., die Fähre „Nils Holgersson“ Travemünde-Trelleborg, wo wir am Morgen leidlich ausgeruht ankamen. Die Fahrt ging über Ystad nach Osby, bekannt für die Korbmacher Gebrüder Ivarsson (klingelt’s? Brödarna Ivarsson, Osby, sind BRIO, Erbauer der berühmten Holz-Spielzeugeisenbahn) und deren Hausmuseum, das die Kinder natürlich sehr genossen.

Weiter nach Mariannelund bei Vimmerby, im Herzen von Astrid Lindgrens Småland liegt nicht nur ein sehr schöner und familienfreundlicher Campingplatz, sondern auch Astrid Lindgrens Värld, ein riesiger Freizeitpark, der nur ein Thema kennt: Pippi. Und Michel. Und Madita. Und Bullerbü. Und und und… Klar, daß wir hier volle 5 Tage verbrachten, und zweimal in den Park gingen. Hier gab es übrigens auch den ersten und bisher einzigen Regen, die Schauer dauerten jeweils nur ein paar Stunden, aber dennoch wäre unser Zelt beinahe weggeschwommen; es hielt aber, wie immer, dicht. Außerhalb des Parks kann man auch viele Originalschauplätze besichtigen und verstehen, aus welchem Leben heraus Astrid Lindgren ihre Inspiration bezog.

Next stop, Stockholm. Die Hauptstadt sollte ebenfalls mehrere Tage lang besichtigt werden, doch wechselten wir dabei einmal den Campingplatz: Flottsbro war zwar sehr neu und schick, doch irgendwie seelenlos und von lernresistenten Menschen betrieben: Ein Kurzschluß in einem Kocher legte gleich das ganze Servicegebäude elektrisch lahm, und ohne Strom ging wg. der elektrischen Ventile keine Dusche, unter der mein Schatz, eingeseift, eine volle Viertelstunde ausharren mußte… so etwas sollte einem nicht im dritten Jahr des Betriebs passieren, sondern allenfalls in der ersten Saison. Also fuhren wir nach Ängby, von dem uns Freunde eigentlich abgeraten hatten. Hier ist es etwas schmuddeliger, abgewohnter, hat aber internationales Flair, wie ein Londoner Hostel, Esten, Letten, Niederländer und Italiener sitzen nebeneinander, und auch nach 22:00 Uhr kann man schon mal ein jazziges Saxophon – live selbstverständlich – wehklagen hören. WC und Dusche könnten etwas sauberer sein, im  Grunde ist aber alles in Ordnung, und die größte Entschädigung ist ein Schärenwaldstück, in dem man sein Zelt völlig ungestört aufbauen und sein Frühstück auf einer Felsplatte verzehren kann. Außerdem direkter Anschluß an die Tunnelbana, die U-Bahn, die man am besten mit einer Stockholm-Card benutzt: Für 3 Tage muß man dann an gar nichts denken, U-Bahn, Schiffe, Museen stehen einem offen. Vasa-Museum, Junibakken (ja, schon wieder Astrid Lindgren, aber eben nicht nur), IKEA-Ausstellung usw. wurden genossen.

Am Ende hatten wir dann trotzdem den Großstadt-Koller und wollten wieder raus ins Unberührte, nahmen aber noch eine Erfahrung mit: eine Live-Elch-Beschau, übermittelt durch Mundpropaganda. Und so geht’s: Man begebe sich gegen 20:00 Uhr auf der 261 nach Drottningholm, passiere das Schloß, wenn man dann links einen einzelnen Turm sieht, fahre man an der nächsten Ampel links ab. Man kommt in eine kleine Siedlung von wunderschönen alten Einfamilienhäusern, sie stehen angeblich Bediensteten der Königin zur Verfügung, das Wohnrecht muß unbezahlbar sein, dann an eine einzelne alte Scheune (exakte Geokoordinaten: N59°19.07 E17°52.382). Dort parke man. Unsicher, ob man aussteigen und vor oder hinter das Gebäude treten soll? Egal, wie sich herausstellt. Gegen 20:15 Uhr kommt majestätisch und völlig ungestört von linker Hand ein riesiger Elchbulle keine 30m entfernt aus dem Wäldchen, passiert gemächlich Auto und Scheune in nächster Nähe, weidet dann vor der Scheune, am Rand der Wiese sind in einiger Entfernung auch zwei Elchkühe auszumachen. Ein Paradies für Tierfotografen, eine Misere für meine Knipse, totale Begeisterung bei den Kindern.

So, jetzt aber weiter. IKEA Kungens Kurva steht für uns Fans am Weiterreisetag noch auf dem Programm, mit 5 Ebenen angeblich der größte der Welt. Gewaltiger Spaß. Dann gestern Gävle an der Ostseeküste, wir schauen uns mehrere Campingplätze an und landen unversehens rechtsseits der E4 auch gleich auf Schotterstraßen. Bad in der Ostsee ist Pflichtprogramm, aber eben auch Mücken-Schutzmaßnahmen, s. o.

Jetzt schließt sich der Kreis. Heute abend badeten wir wieder, in einem See diesmal, bei Falun. Lisa schwimmt immer besser. Villa, Mariestads, ja, da war ich. Verrückt übrigens, wie jedes Land seinen „blinden Fleck“ hat: Schweden, mit hartnäckigen 110 km/h Tempolimit auf den Autobahnen, kennt kein generelles Tempolimit auf dem Wasser, und so rasen die testosterongeschwängerten Jugendlichen eben mit ihren PS-gewaltigen Speedbooten über den See wie bei uns die Mantafahrer, daß man auch gegen 22:00 Uhr brüllen muß, um die gewaltigen V8-Motoren zu übertönen. Jetzt werfen sie mich hier heraus, vor zwei Absätzen haben sie „last orders“ verkündet. Hoffentlich schaltet keiner das WLAN aus, bevor ich veröffentlicht habe…