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Die Gurken kommen mir spanisch vor

Rinderwahn und Schweine- und Vogelgrippe, jetzt EHEC: wird jeden Tag eine neue Sau durchs Dorf getrieben, und wir reagieren brav wie die Getriebenen?

Bei den meisten „Volksseuchen“ der Vergangenheit lehnte ich mich entspannt zurück, ließ Sorgfalt und gesunden Menschenverstand walten, und es passierte auch brav genau gar nichts. Speziell die Schweinegrippe des letzten Jahres entpuppte sich ja geradezu als Lachnummer für Paranoiker schlechthin. Da war es wohl mal Zeit für eine Schippe mehr Ernsthaftigkeit. Bitteschön: Die aktuelle EHEC-Welle nehme ich ernst. Mit einer Erkrankung, bei der zehn einzelne Keime auf unbekannten Nahrungsmitteln meines täglichen Bedarfs reichen können, damit man hinterher sein Gehirn oder seine Niere am Ausgang abgeben kann, ist offensichtlich nicht zu spaßen.

Und es ist ja nicht so, dass jetzt jede Panik gerechtfertigt ist und man gar nichts mehr essen kann. Wer Obst nicht von Gemüse und Gegartes nicht von Rohem unterscheiden kann, dem bleiben jetzt zwar nur noch Hamburger mit Pommes, mir schmeckt gegrillte Zucchini auch weiterhin, und ich halte auch Erdbeeren nicht für verboten.

Nicht Äpfel mit Paradiesäpfeln vergleichen!

Dass man als staatliches Gesundheitswesen nach einem Monat immer noch im Dunkeln tappt, was die Quelle der Erkrankung betrifft, finde ich allerdings erschreckend. Das Herumraten erinnert an Folgen von „Dr. House“, aber der ist nach 45 Minuten immer fertig. Nach den spanischen Gurken waren es jetzt womöglich auch die asiatischen Sprossen nicht, oder, wie Robert-Koch-Chef Burger sagt, man wird es womöglich nie mehr herauskriegen. Ein ARD-Journalist erklärt gar, wir hätten gegenüber anderen Ländern beim Seuchenmanagement 15 Jahre geschlampt und müssten dafür jetzt bluten.

@manomama: Haha, lustig. Ich sag eben im Biergarten noch: „Ne, ohne Gurke, die Sprossen können bleiben!“ #maan

So sperrt unser Kindergarten gleich das ganze Frühstücksbuffet, andere Gesundheitsämter das Schulobst, Gemüselieferanten blieben als Kollateralschäden längs des Weges zurück, und auch der Volksgesundheit ist trotz des schweren Verlaufs der einzelnen Erkrankung in der Summe wohl mehr geschadet als genutzt, denn wie viele Gemüsemuffel werden am Ende nicht vom McDonald’s zur Rohkost zurückkehren?

An den Kern des Problems aber wird nicht gerührt: Unsere Lebensmittel sind, kurz und à point gesagt, viel zu billig. Eine jahrzehntelange Entwicklung, ursächlich womöglich auf Nachkriegsrohstoffknappheit oder die Brüder Albrecht zurückzuführen, an deren Ende wir zwar gefühlten Wohlstand haben, weil wir mehr Geld für Autos und Reisen zur Verfügung haben (wir müssen nur 10% unseres Einkommens für Essen aufwenden, ein Ägypter 44%), aber dafür täglich – mit Verlaub – Scheiße fressen. Wer das gute Essen in der Schweiz oder manchen ausgewählten Bioläden geschmeckt hat, hat unweigerlich auch die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen über das Preisgefälle. Dabei ist der scheinbar unverschämt hohe Preis der eigentlich zu zahlende, unserer ist nur künstlich niedrig gehalten.

Schweinegrippe: Fragen über Fragen

Die Frau Chikatze fragt mich heute, ob ich mich gegen die Schweinegrippe impfen lasse (Ergebnis jetzt: 63% nein). Meine Zeitung fragte gestern, ob sich meine Haltung zu dieser Frage in der letzen Woche geändert habe (Ergebnis: 81% nein). Zeit, auf den Zug aufzuspringen und laut nachzudenken.

Mache ich mir Gedanken? Ja, klar. Seit einem halben Jahr haben wir Pandemie. Der harmlose Verlauf der Schweinegrippe hat Mediziner wie selbsternannte Experten gleichermaßen verwirrt, die Pharmaindustrielobby jedoch nicht davon abgehalten, die Große GelddruckImpfmaschine trotzdem anzuwerfen. Von Anfang an haben die sachkundig Wirkenden gesagt, „im Herbst wird’s schlimmer!“, eine Aussage, die so trivial ist, daß es wenig überrascht, daß sie jetzt eintritt. Rechtzeitig zum Vertrieb des Impfstoffs ist es schlimmer geworden. Es gibt jetzt auch neun Todesfälle, davon einen, einen in dem nicht eine Sekundärerkrankung die Hauptrolle spielte – es gab aber auch prompt den ersten Geimpften, der die Impfstelle mit den Füßen voran verließ. (Zum Vergleich: An der „normalen“ Grippe stirbt nach Schätzungen jährlich die Bevölkerung einer Kleinstadt.) So kommt zur Pandemie die Panik, und nein, obwohl beide Vorsilben griechisch sind, sind sie nicht verwandt: Pandemie heißt „alles Volk betreffend“, und Panik kommt von Pan, dem Hirtengott, der aus Langeweile manchmal in die Schafe fährt.

Gerate ich also in Panik? Nein, sicher nicht. Ich bin kein Impfverweigerer, aber habe mich noch kein Jahr gegen die banale Grippe impfen lassen, und „et hett noch immer joht jejange“. (Gut, daß dieses kölsche Grundgesetz keins ist, wissen die Kölner spätestens seit dem Einsturz ihres Stadtarchivs.) Ich habe in meinem Homeoffice auch sehr wenig Publikumsverkehr.

Ändert sich meine Einstellung gerade? Ja, ich mache mir schon so meine Gedanken. Ich halte mich zum Beispiel bei den Kindern im allgemeinen an die STIKO-Empfehlungen, und die sagen mir jetzt, „gehe hin und impfe die Deinen“. Gleichzeitig rückt die STIKO erstmals in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses, und es zeigt sich, daß sie auch nicht eben mit Heiligen besetzt ist. Es paßt mir da nicht schlecht, daß wir morgen für eine Woche in Urlaub fahren, und am Vortag einer Reise impft sich kein vernünftiger Mensch. Danach ist noch etwas Wasser den Rhein heruntergeflossen, und man wird klarer sehen.

Pandemie und Japantag – zwischen Paranoia und Selbstschutz

Am Wochenende wird in Düsseldorf der Japantag stattfinden, ein schönes Fest, das unsere Mitbürger der japanischen Gemeinde für uns ausrichten. Inzwischen ist in der japanischen Schule die Zahl der gemeldeten Fälle von Schweinegrippe während zwei Tagen auf 46 angestiegen. Damit sind 60 der deutschlandweit gemeldeten 100 Fälle in Düsseldorf angesiedelt. Die Weltgesundheitsorganisation hat aufgrund des Virus die höchste Gefahrenstufe, die einer weltweiten Pandemie, ausgerufen – zum ersten Mal seit 41 Jahren, genau so alt wie die Hongkong-Grippe von 1968 bin auch ich.

Ursächlich für diese Heraufstufung waren allerdings nicht die Vorfälle in Düsseldorf, sondern die Verbreitung in Australien, gerade am entgegengesetzten Ende der Welt. Und alle in Deutschland aufgetretenen Fälle verlaufen bislang unproblematisch, es gab hier keine Todesfälle – der Präsident des Robert-Koch-Instituts stimmte uns aber schon einmal darauf ein, daß das nicht so bleiben werde.

Gestern haben wir Freunde aus Berlin am Düsseldorfer Flughafen empfangen. Am Flughafen war alles wie immer, wir haben bei einem Bäcker etwas gegessen, sind Skytrain gefahren, Fahrstuhl gefahren, haben die Toiletten benutzt. Morgen planen wir auf den Japantag zu gehen. Da kommt man schon ins Nachdenken. Genau jetzt finden wir uns an der Entscheidungsschwelle: Normal leben, Flagge zeigen für unsere japanischen Nachbarn, oder sich eher aus dem öffentlichen Leben zurückziehen, in eine Mischung aus Paranoia und Selbstschutz verfallen, das gilt es abzuwägen. „Nicht in Panik, aber besorgt“ ist die Äußerung von Gesundheitsministerin Schmidt.

Wir sind in einer Verantwortung für kleine Kinder, aber genau die sind auch unsere stärksten Schnittstellen nach außen: Gingen wir nicht mehr in die Innenstadt, müßten wir sie eigentlich auch vorübergehend aus dem Kindergarten nehmen, denn da kommen sie jeden Tag mit 60 anderen Kindern in engsten Kontakt. Das würde wirklich unseren gesamten Alltag umkrempeln, wie es natürlich auch spätestens ein Erkrankungsfall würde – häusliche Quarantäne mit zwei Würmern bedeutet, daß uns massiv die Decke auf den Kopf fallen würde. Aber massiver Selbstschutz bedeutet letztlich auch häusliche Quarantäne, im Grunde muß man sich also nur überlegen, ob man die Lästigkeiten mit gewisser, geringer Wahrscheinlichkeit oder mit selbstgewählter Sicherheit hinnehmen will.

Und so werden wir die Entscheidung, ob wir morgen zum Japantag gehen, morgen am Ende von der selben Frage abhängig machen wie jedes Jahr – wie ist denn das Wetter?