Tumult an der Aare

Die ach-so-beschauliche Schweiz, in Karikatur stets besonders repräsentiert durch den ach-so-bedächtigen Berner, steht in heller Aufregung: Bei den gestrigen Wahlen zum Bundesrat wurde SVP-Alt-Bundesrat Blocher nicht wieder gewählt, statt seiner die unbekannte Eveline Widmer-Schlumpf. Die SVP kündigte daraufhin ihr und ihrem (völlig unschuldigen, da bereits in einem früheren Wahlgang gewählten) Parteigenossen Samuel Schmid jegliche Unterstützung auf und drohte an, in die Opposition zu gehen.

Die wütende Drohung, die in Deutschland als eher lächerlicher „Selbstmord aus Angst vor dem Tode“ abgetan würde, ist in der Konkordanzdemokratie der Schweiz, die seit bald einem halben Jahrhundert eine Allparteienregierung hat, eine Ungeheuerlichkeit, und so bat sich Widmer-Schlumpf eine Nacht Bedenkzeit aus, ehe sie heute morgen die Wahl annahm. Das forderte Mut, denn sie könnte damit den Lafontaine-Weg gehen und eine Spaltung ihrer Partei auslösen – selbst innerhalb dieser geht anscheinend längst nicht jeder mit Blocher konform, der jetzt wohl mit Zinsen geerntet hat, was er durch seine Amtszeit, die mit der Übernahme des Amts von Ruth Metzler begann und zuletzt in einen von rassistischen Anspielungen verunzierten Wahlkampf ausuferte, gesät hat.

Die tumultartigen Szenen, die gestern nur flackernd im von Auslandsschweizern völlig überlasteten Internet-TV aus dem Bundeshaus zu sehen waren, insbesondere die stehenden Ovationen bei der Stimmverlesung Widmer-Schlumpf, sind wahrlich alles andere als betulich. Der Schweizer Politik stehen abwechslungsreiche Zeiten bevor.

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